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Mein Date mit dem MV Agusta-Heiland

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 9/II), Folge 758 Rosenmontag nachmittag, Frankfurt School of Finance, dritter Stock, Saal 3.02, Meeting mit den deutschen MV Agusta-Partnern. Etwa zwei Dutzend Händler hängen dem neuen CEO und „Eigentümer“ der italienischen Motorradikone an den Lippen und versuchen...

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Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
(Bild: Vogel Communications Group)

...sich ein authentisches Bild zu machen über die Zukunftsaussichten der Marke. Dort hat seit kurzem der russische Investor, Car und Motorcycle Guy sowie Business Man Timur Sardarov das Kommando übernommen. Der smarte 37-Jährige ist angetreten, das Chaos bei MV Agusta zu beenden und die Marke zu neuen Ufern aufbrechen zu lassen.

Blickt man zurück in die bewegte Vergangenheit, so haben sich an der Sanierung der Marke viele die Finger verbrannt: Proton (2004), die italienische Investmentgesellschaft Gevi aus Genua (2005), Harley-Davidson (2008), Mercedes-AMG (2014). Ende 2016 stieg die Investment-Firma Black Ocean als Partner ein. Kolportiert wurde, dass man 50 Millionen ins Motorradgeschäft investieren wolle. Ans Ruder damals kam eben der besagte Timur Sardarov, der den Ex-Chef Claudio Castiglioni entmachtete und auf den Posten des Präsidenten weglobte. Inzwischen ist Castiglioni ganz raus aus dem Spiel. Timur Saradrov zieht die Fäden nun ganz allein und steckt die frisch eingetroffenen Millionengelder in einen ambitionierten Fünf-Jahres-Plan.

In Frankfurt hatte ich also am Montag dieser Woche die Chance, den neuen Macher bei MV Agusta persönlich kennenzulernen. Salz in der Suppe des Vollblutjournalisten, so ein hohes Tier vors Mikrofon zu bekommen!

Mit einem festen Händedruck begrüßt mich Timur Saradrov. Er ist lässig in einen stylishen Edelwollpullover gekleidet. Er empfängt mich – scheinbar völlig tiefenentspannt – in Blue Jeans, mit schicken halbhohen Sneakern in Braun, seine blauen Augen leuchten. Mit großer Empathie erzählt er mir in geschliffenem Englisch von seinen ambitionierten Plänen. Mit seiner Familie, Frau und zwei Kindern, sei er kürzlich mit Sack und Pack von London nach Varese umgezogen. Vor allem seine Gattin müsse diesen Kulturschock erst einmal verdauen. Ihm selbst mache das nichts aus, weil er ohnehin 24/7 für die Firma im Einsatz sei.

Der Russe redet klar und strukturiert. Stets betont er, wie immens wichtig es ihm sei, verloren gegangenes Vertrauen bei den Händlern und Endverbrauchern wieder aufzubauen. Mit einem mächtigen Line-up soll es in die Saison 2020 gehen: Mit im Programm sind neue Modelle wie die Superveloce oder auch die neue „brutale“ Brutale, weitere bereits bekannte Modelle wurden überarbeitet. Vor allem von den Wettbewerbern Ducati, Triumph und Harley-Davidson will er Kunden zu MV Agusta locken, vor allem gut verdienende Kunden aus der Generation Y oder Millenials – so wie er einer ist.

Saradrovs Pläne sind ehrgeizig; in fünf Jahren soll das Verkaufsvolumen auf über 25.000 Maschinen weltweit steigen. Zum Ausgangspunkt in Deutschland: Hierzulande wurden 2019 genau 190 MV Agustas neu zugelassen! Zur Expansion gehört für ihn auch eine deutliche Ausweitung des aktuellen Vertriebsnetzes. Aus der Partnerschaft mit dem chinesischen Loncin-Konzern sollen neben dem Schwerpunkt der Mittelklassemodelle kleinere, hubraumschwächere Modelle hervorgehen. Und ein weiteres Highlight steht dieses Jahr an, das 75-jährige Firmenjubiläum. Die offiziellen Feierlichkeiten finden am 20. und 21. Juni in Varese statt.

Nach meinem Interview mit Sardarov hatte ich hinterher noch kurz die Gelegenheit, mit ein paar MV-Händlern zu sprechen, darunter Stefan Schmidt von MCA Altendiez, Klaus Limbächer von Limbächer & Limbächer in Filderstadt, Reinhold Dippold von Dippold Racing in Untersiemau, Jaqueline Sassnick von Italmoto in Garbsen oder Tim Hofmann von MV Agusta Rhein-Neckar/Timris Motorsport GmbH in Mannheim. Sie alle zeigten sich angetan von der Performance des Herrn Sardarov. Ihr Tenor: Den positiven Worten müssten nun konsequent und nachhaltig Taten folgen. Probleme mit der Ersatzteilbelieferung gebe es schon seit geraumer Zeit kaum mehr welche.

Wichtig sei es jetzt, dass die Marke mit selbstbewussten Auftritten auf Messen, vor allem auch auf der Intermot dieses Jahr in Köln (die Entscheidung steht noch aus), Flagge zeige und sich wieder fest in den Köpfen der Motorradfans verankert.

Last but not least sei es auch wichtig schwarzen Schafen das Handwerk zu legen, die früher über Grauimporte etc. durch Preisdumping dem Partnernetz großen Schaden zugefügt hätten. Unisono zeigten sich die Dealer überzeugt davon, dass die Strahlkraft der Marke noch nicht erloschen sei und es sich durchaus lohnen könnte, ihr eine neue Chance zu geben. Diesen Glauben hat ihnen der neue MV Agusta-Heiland mit viel Empathie und überzeugender Rede an diesem Rosenmontag in Frankfurt eingehaucht. Glücklich gemacht wurde an diesem Abend auch der Mannheimer Zlatko Grubor, der von seinem Händler Tim Hofmann eine speziell für ihn adaptierte Brutale entgegennehmen durfte. Sie war in der Empfangslobby der Frankfurt School of Finance ausgestellt. Dort, wo die zahlungskräftigen Banker und Kunden von morgen ein- und ausgehen.

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