Mit der Honda Goldwing über die Alpen

Raum-Gleiter Goldwing

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Viktoria Hahn

Mit der Goldwing über die Alpen.
Mit der Goldwing über die Alpen. (Bild: Ulf Böhringer / SP-X)

Die Honda GL 1800 Tour absolviert weite Überlandreisen genauso gelassen wie engagierte Alpentouren zu zweit. Dabei überzeugt nicht nur das Fahrwerk. Zu meckern gibt es an Details.

Treue Fanbase

Im Lauf der 44 Jahre, die es dieses gewichtige Motorrad mittlerweile gibt, hat sich die Honda Gold Wing einen extrem treuen Freundeskreis geschaffen. Seit Frühjahr 2018 ist die sechste Generation am Start. Mittlerweile ist ein neuer 1800-er Sechszylinder-Boxermotor mit 93 kW/126 PS Leistung installiert, auf Wunsch kombiniert mit einem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. 1974 hatte der Spaß mit einem Tausender-Vierzylinder-Boxer begonnen.

Schlankheitskur

Vier Jahrzehnte lang legte die Gold Wing an allem zu: Zylinder, Hubraum, Leistung, Platz, Gepäckvolumen, Gewicht. Das jüngste Modell wurde abgespeckt und rundum geschrumpft: „Nur noch“ 383 Kilogramm beträgt das fahrfertige Leergewicht, immerhin bis zu 48 Kilo weniger als beim Vormodell. Trotz optisch sehr gelungener Schlankheitskur also noch immer ein fahrendes Sofa für zwei Personen zum Preis von 35.990 Euro.

Umfangreiche Ausstattung

Wer sich der aktuellen Goldwing nähert, tut dies am besten auf dem Umweg über das Fahrerhandbuch. Auf nicht weniger als 258 Seiten werden die Neu-Besitzer in die Bedienungs-Finessen dieses Zweirad-Giganten eingeführt, dazu addieren sich weitere 88 Seiten für die Einführung in das Navigationssystem. Die Ausstattung der Version „Tour“ mit DCT-Getriebe, Airbag, integriertem Navigationssystem sowie Audioanlage und Topcase ist sehr umfangreich, wenn auch nicht völlig zu Ende gedacht: So gibt es zwar hinterleuchtete Schalter und Taster am Lenker und im Cockpitbereich, aber kein Licht im Topcase. Fürs Wohlbefinden von Fahrer und Begleitung ist ansonsten alles bestens angerichtet: Die Sozia freut sich über Trittbretter statt schnöder Fußrasten, die dezente Zentralverriegelung arbeitet genauso perfekt wie die elektrische Scheibenverstellung. Ein wenig umständlich ist das Öffnen der Tankklappe, deutlich aufwändiger die Integration eines Audiogerätes, weil der USB-Anschluss sich nicht im Cockpitbereich, sondern im Topcase befindet.

Jede Menge Kraft

Schon kurz nach dem Start zeigt sich: Die aktuelle Generation der Gold Wing ist eine Wucht. Der Motor schüttelt seine Leistung nur so aus dem Ärmel, das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe wechselt zumeist fast unmerklich die Übersetzungsstufen. „Gas zu“ vor einer Kurve, schon wird zurückgeschaltet – prima! Im Fahrmodus Tour, für Überlandtouren vorzüglich abgestimmt, bewegt sich die Drehzahlmessernadel zumeist zwischen 1.500 und 2.500 Touren. Muss der Überholweg mal verkürzt werden, genügt ein Daumendruck auf den Minus-Taster links am Lenker, schon schaltet die Automatik zurück, die Kraft aus sechs je 300 Kubikzentimeter großen Zylindern schiebt die Gold Wing mit Vehemenz nach vorne. Immer kultiviert, aber nach Wahl geschmeidig oder nachdrücklich. Die Akustik ist gelungen; aus dem Säuseln früherer Gold Wing-Generationen ist ein dumpferes, jede Menge Kraft verheißendes Grollen geworden, das von der Lästigkeits-Grenze stets ausreichend Abstand wahrt.

Neuer Boxermotor

Der neu entwickelte Sechszylinder-Boxer kann zwischen Leerlaufdrehzahl und fast 6.000 Touren alles, was ein fürs Touren entwickelte Triebwerk können muss, und dasselbe gilt für Rahmen, Radführungen und Bremsen. Über lange Passagen meint man beinahe zu schweben, so feinfühlig spricht die neue Doppelquerlenker-Vorderradführung an. Auch das Federbein, elektronisch vorspannbar, arbeitet sehr gefällig, ist es doch von Laschheit genauso weit entfernt wie von ungebührlicher Härte. Dass Honda die Höchstgeschwindigkeit auf 180 km/h begrenzt, schmerzt nicht wirklich: Die Möglichkeiten für höhere Tempi sind zwischen Regensburg und Dithmarschen mehr als selten. Zudem steigt jenseits der 150 km/h der Benzinverbrauch kräftig. Der Sitzkomfort überzeugt genauso wie die Aerodynamik und die Fahrstabilität. Eine Notbremsung bringt die Honda kein bisschen aus der Spur, der Warnblinker springt automatisch an und signalisiert nachfolgenden Autolenkern, dass der Zweiradkoloss den Bremsfallschirm ausfährt. Die zügig, aber nie hektisch gefahrene 2.000-Kilometer-Tour absolviert die Gold Wing mit einem Durchschnittsverbrauch von 5,9 Litern; das Minimum liegt bei Zieltempo 140 km/h bei 5,5 Litern, schnellere Fahrt und ein maximal ausgefahrener Windschild lassen den Konsum exponentiell steigen.

Alpiner Kurvenswing

Doch die die jüngste Gold Wing beherrscht selbst die Disziplin „alpiner Kurvenswing im Viervierteltakt“. Man muss schon brachial am angenehm geformten Lenker agieren, um die Schräglagengrenze aufzuspüren. Dank niedrigen Schwerpunkts dampft sie im Fahrprogramm Sport fast mühelos die Berge rauf und runter, verzögert talwärts fadingfrei und beweist eindrucksvoll, dass sich Fahrers Mundwinkel auch bei zügigem Bewegen eines Großkalibers über viele Stunden Richtung Ohren orientieren können.

Stabilität und Kurvenfreude

Das liegt neben Motor und Getriebe auch am Fahrwerk und gilt für das Ansprechverhalten der Federung wie für die Ruhe im Lenker gleichermaßen; die Doppelquerlenker-Vorderradführung überzeugt auf ganzer Linie, Fahrstabilität wie Kurvenfreude ebenfalls. Die Sozia ist begeistert von Sitz, Sitzposition, der von ihr selbst regelbaren Popo-Heizung sowie den an der Vorderkante des Topcase montierten Zusatzlautsprechern – und überhaupt. Nur eine Sache stört sie, und mit ihr auch den Fahrer: „Warum nur ist das Gepäckvolumen gegenüber dem Vormodell so stark geschrumpft worden und warum sind Koffer und Topcase innen so zerklüftet?“ Ein Wochenende zu zweit geht gerade noch, eine volle Urlaubswoche zu zweit macht es nötig, einen Koffer per Bahnfracht ans Ziel vorauszuschicken.

Das Fazit

Der mangelhafte Stauraum ist neben einigen Unzulänglichkeiten am Navigationssystem der einzige Kritikpunkt an der Honda Goldwing. Ansonsten ist sie – für ihren speziellen Zweck – ein vorzügliches Motorrad geworden, auch wenn 36.000 Euro nun wirklich nicht wenig sind. Sie stellt eindrucksvoll unter Beweis, dass das Doppelkupplungsgetriebe im Motorrad „angekommen“ ist. Alles funktioniert automatisch, und doch hat der Pilot alle Möglichkeiten, denn jederzeit kann manuell geschaltet werden, auf simplen Tastendruck. Selbst bei „Highspeed-Cruising“, also zügiger, aber unhektischer Überlandfahrt, ist „Tour“ das am besten geeignete Schaltprogramm, „Sport“ ist wegen des recht hohen Drehzahlniveaus nur in gebirgigem Gelände wirklich nützlich. „Eco“ und „Rain“ sind ein „nice to have“. Gut gelungen ist auch die Rückfahrhilfe. Insgesamt trägt das DCT wesentlich zum freud- und genussvollen Raum-Gleiten bei. Motor, Getriebe, Fahrwerk, Bremsen, Komfort, Windschutz, Ausstattung – in all diesen Disziplinen kann die Gold Wing voll punkten.

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