Moto Guzzi Eldorado: Leben im Luxus

Ein Zweizylindermotor, der sich nicht überhören lässt

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/sp-x / Maxim Braun

Die Eldorado ist Moto Guzzis neuestes Angebot.
Die Eldorado ist Moto Guzzis neuestes Angebot. (Foto: Moto Guzzi)

Moto Guzzi hat seiner 1400er Modellreihe eine aufsehenerregende Edel-Version namens Eldorado hinzugefügt. Die schönen Räder haben aber einen klitzekleinen Nachteil.

Sie tragen den wohl am schönsten klingenden Namen aller Motorräder weltweit, jene Fahrzeuge, die in Mandello del Lario aus der Montagehalle unweit des Comer Sees rollen: Moto Guzzi. Seit 1921 steht das Werk, im mittlerweile 95. Jahr werden hier noch immer luft-/ölgekühlte Zweizylindermaschinen produziert. Seit Neuestem ist die Modellpalette um die Eldorado erweitert worden, eine 1400er, die mir ihren dicken Weißwandreifen unübersehbar ist. Daran sind auch die beiden mächtigen Zylinderköpfe nicht ganz unschuldig, die links und rechts unterhalb des fein linierten Tanks schräg nach oben ragen.

Der Lack des 329 Kilo-Brockens glänzt wahlweise in Noir Classico, also klassischem Schwarz oder in Rouge Pregiato, was „erlesenes Rot“ bedeutet. Hochwertig wirkt die Eldorado mit ihren schönen Speichenrädern (zur leichteren Luftdruckkontrolle gibt es Winkelventile), den verspiegelten Tank-Seitenflächen und den ummantelten Stoßdämpfern und Gabelrohren. Puristen werden vielleicht monieren, dass die ausladenden Kotflügel vorn und hinten aus schnödem Kunststoff statt wertigem Blech gefertigt sind, doch wird das nur dann deutlich, wenn man mit dem Fingerknöchel draufklopft. Hören wir also darüber hinweg.

Nicht zu übersehen sind die unglaublich fetten Zylinder – der Hubraum des luft-/ölgekühlten Zweizylindermotors beträgt immerhin 1.380 Kubikzentimeter – mit den serienmäßig schwarzen Zylinderhauben. Diese weisen vier polierte Rippen auf, zusammen mit den polierten Kühlrippen der schwarz lackierten Zylinder und dem schwarz lackierten Motorgehäuse sowie den fast armdicken Chrom-Auspuffkrümmern das wesentliche Gestaltungsmerkmal der Eldorado. Anstatt der modern-dezenten, in den Kotflügel integrierten LED-Rückleuchten der seit zwei Jahren bekannten California ziert ein kreisrundes Rücklicht das Heck, flankiert von ebenso kreisrunden Blinkern. Ja, die Eldorado ist ein Hingucker. Auch der gut zur Hand liegende Buckhorn-Lenker passt bestens ins Bild.

Zu überhören ist der mächtige Zweizylindermotor ebenfalls nicht: Dumpf bollert er im Leerlauf, mit steigender Drehzahl wird er zunehmend präsenter, ohne aber den Fahrer oder die Umgebung zu nerven. Angesichts des mit 120 Newtonmetern bei nur 2.750 Umdrehungen gewaltigen Drehmoments neigt man dazu, die Gangwechsel mittels Schaltwippe schon ausgesprochen früh vorzunehmen. Die bei 6.500 Umdrehungen anfallende Maximalleistung von 71 kW/96 PS ist insofern ein eher theoretischer Wert; zumeist pendelt die Drehzahl zwischen 1.500 und 4.000 Touren, was auch den Treibstoffverbrauch in erträglichen Regionen hält, nämlich um oder unter 6,5 Liter/100 Kilometer. Dank des 20,5 Liter-Tanks ist die Reichweite im grünen Bereich.

Weil enorm viel Drehmoment auf den 180 Millimeter breiten Hinterreifen einwirkt, ist man insbesondere bei ungünstigen Fahrbahnverhältnissen wie beispielsweise Regen für das Vorhandensein der elektronischen Traktionskontrolle dankbar; sie ist dreistufig einstellbar, zudem kann sie abgeschaltet werden. Des Weiteren gibt es drei Fahrmodi, bei denen die Gasannahme unterschiedlich direkt erfolgt. Der Tempomat, dank des Ride-by-Wire eine konstruktive Kleinigkeit, entfaltet auf längeren tempolimitierten Abschnitten seine führerscheinerhaltende Wirkung.

Das Fahrverhalten der Sechseinhalbzentner-Guzzi ist – sieht man vom Rangieren ab – unproblematisch: Artgerecht bewegt tritt deshalb schnell Entspannung ein; die nur 740 Millimeter messende Sitzhöhe tut im städtischen Verkehr das Ihre dazu. Gut in der Wirkung wie in der Dosierung ist die Dreischeiben-Bremsanlage, die durch ein Zweikreis-ABS unterstützt wird. Auch die Federelemente, vorne wie hinten in feinen Hüllrohren versteckt, machen ihre Sache ordentlich. Dass die Gabel gar nicht und hinten nur die Federvorspannung einstellbar ist, tut nichts zur Sache.

Schon einmal gab es eine Eldorado von Moto Guzzi: Unter diesem Namen wurde das Modell V7 GT 850 in den USA verkauft, war bei der Präsentation in Mandello del Lario zu hören. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass auch die aktuelle Eldorado jenseits des Atlantiks wieder besonders gefragt ist; zumindest passt sie von ihrer XXL-Statur ausgezeichnet auf amerikanische Highways, ohne aber deshalb in Europa allgemein oder in den Alpen im Speziellen deplatziert zu wirken. Von Vorteil wäre allerdings, wenn das 18.500 Euro kostende Schmuckstück im Detail noch besser verarbeitet wäre: Kondenswasser im mit LED-Tagfahrlicht ausgerüsteten Hauptscheinwerfer und allen vier Blinkern ist kein Qualitätsmerkmal. Auch die Verarbeitungsgüte der Fahrzeug-Elektrik ist noch steigerungsfähig, wie man während der Präsentation miterleben konnte.

Was nichts daran ändert, dass das Fahren einer Moto Guzzi Eldorado ein großes Vergnügen darstellt: Allerdings sollte dabei die Straße trocken sein, denn das sonst nötige Putzen der nur schwer zugänglichen Speichen in den Rädern erfordert höchst gelenkige Finger und ausnehmend viel Geduld. Und wer wollte schon seine chromglitzernde Eldorado in versifftem Zustand bewegen? Da wären die schönen Weißwandreifen ja völlig für die Katz‘!

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