Moto Guzzi V9 Bobber: Vorne dick und hinten schlank

Fahrtests rund um Mandello del Lario

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Sophie Renninger

Während der Zeitgeist klar zu wassergekühlten Motoren mit Vierventil-Zylinderköpfen geht, setzt man bei Moto Guzzi weiter auf das Zweiventilprinzip und Luftkühlung.
Während der Zeitgeist klar zu wassergekühlten Motoren mit Vierventil-Zylinderköpfen geht, setzt man bei Moto Guzzi weiter auf das Zweiventilprinzip und Luftkühlung. (Foto: Moto Guzzi)

Die Moto Guzzi V9 Bobber ist das modische Schwestermodell der klassisch gezeichneten V9 Roamer, präsentiert sich aber durchaus eigenständig.

SP-X/Mandello del Lario. 95 Jahre alt wird die italienische Traditions-Motorradmarke Moto Guzzi in diesem Jahr. Passend zu diesem Datum wurde ein neuer Mittelklasse-Motor entwickelt, der total dem Markenkern entspricht: ein rein mit Fahrtwind gekühlter 90-Grad-V2, der längs in den stählernen Doppelschleifenrahmen eingebaut wird. Die Zweiventil-Zylinderköpfe stehen also vor den Fahrerknien im Luftstrom, wie das seit dem Ende der 1960er Jahre typisch ist für Guzzi. Weil das neue 850 Kubik-Aggregat natürlich die aktuellen Emissionsnormen erfüllen muss, ist bei solch „antiquierter“ Triebwerkskonzeption die Leistungsausbeute mit 55 PS freilich eher bescheiden. Reicht das für den großen Fahrspaß? Die neue V9 Bobber muss auf den Land- und Bergstraßen vor den Toren des Werkes in Mandello del Lario ihre Fähigkeiten zeigen.

Anders als die V9 Roamer, die klassisch konzipiert ist, kommt die Bobber-Version mit ihrem kleinen, dicken Vorderrad und der ziemlich geraden Lenkstange modischer daher. In Grundausführung ist dieser Bobber ein reines Lustfahrzeug, das mit längeren Reisen nichts am Hut hat. Allerdings hat auch Moto Guzzi erkannt, dass der Trend zum Customizing, dem individuellen Modifizieren des Bikes, ein mächtiger (und für Händler wie Teilehersteller einträglicher) ist. Wer will, kann also auch seinen Bobber so gestalten, dass er nicht nur durch Optik besticht, sondern auch vielseitiger ist.

Doch erst mal zum Motor. Während der Zeitgeist klar zu wassergekühlten Motoren mit Vierventil-Zylinderköpfen geht, setzt man bei Moto Guzzi weiter auf das Zweiventilprinzip und Luftkühlung. Dennoch erfüllt der V2-Motor die Anforderungen der neuen Euro 4-Emissionsnormen. Lediglich Motor- und Getriebegehäuse stammen aus dem Modell V7 (744 ccm), sämtliche Motorinnereinen wurden komplett neu entwickelt. Mit 40 kW/55 PS hält sich die Leistung des angenehm weich laufenden Triebwerks allerdings in Grenzen; dank der sehr flach ausgelegten Drehmomentkurve steht jedoch bereits ab 2.000/min. genügend Kraft zur Verfügung, weshalb das gut gestufte und leicht schaltbare Sechsganggetriebe nicht übertrieben oft bemüht werden muss, um zügig unterwegs zu sein – ein zum Charakter des Bobber durchaus passender Antrieb. Hilfreich ist es, wenn man Serpentinen mit leichtem Druck auf die Hinterradbremse absolviert, denn die Gasannahme des V2-Motors aus dem Schiebebetrieb erfolgt doch etwas hart. Ansonsten agiert das Triebwerk angenehm und mängelfrei und mit deutlich unter fünf Litern Verbrauch auch zeitgemäß sparsam.

Leichte Fahrbarkeit und hohe Benutzerfreundlichkeit sollen dieses Italo-Moto der 200 Kilogramm-Klasse auszeichnen. Ziel erreicht – das darf man im Anschluss an die ersten Fahrten im Bereich des bergigen Hinterlandes sowie am Ufer des Comer Sees feststellen. Allerdings stellt die Bobber-Version höhere Ansprüche an den Fahrer als die V9 Roamer; aufgrund der Konzeption (dickes, kleineres Vorderrad, fast gerade Lenkstange, veränderte Sitzposition) lenkt der Bobber nicht gar so leicht in Kurven ein. Er behält aber den einmal gewählten Radius problemlos bei. Da die Schräglagenfreiheit wegen der etwas weiter vorne montierten Fußrasten geringfügig kleiner ist, erfordert schnelles Fahren mit dem Bobber ein wenig mehr Aufmerksamkeit als bei der Roamer-Version der V9. Ein irgendwie geartetes Problem resultiert daraus nicht.

Auf schlechten Passagen ist das Bobber-Fahren dagegen kein echtes Vergnügen: Die knapp zehn Zentimeter Federweg am Hinterrad sind schnell aufgebraucht, Stöße finden dann durchaus den direkten Weg in des Fahrers Bandscheiben. Diese Eigenschaft ist der Konzeption geschuldet, nicht mangelnder Sorgfalt bei der Fahrwerks-Abstimmung. Absolut überzeugen kann die Bremsanlage mit je einer Scheibenbremse im Vorder- und Hinterrad; das ABS regelt zeitgemäß feinfühlig.

Gut ist die Ausstattung: Außer einer elektronischen Traktionskontrolle gibt es auch eine Wegfahrsperre sowie einen USB-Anschluss und auch eine automatische Blinkerrückstellung. Einen Hingucker stellen die neu entwickelten Lenkerschalter dar, die nicht nur stylisch überzeugen, sondern auch funktional passen. Das zentral angeordnete Rundinstrument ist angenehm dezent gestaltet; ein kleines LC-Display zeigt auf Knopfdruck am Lenker weitere Informationen an – fürs entspannte Motorradfahren ist alles Nötige vorhanden.

10.390 Euro sind zwar kein Pappenstiel für ein 55 PS-Bike, aber dennoch nicht unfair: Denn der V9 Bobber ist kein Massen-Motorrad, sondern ein in Kleinserie gebautes, schön verarbeitetes Fahrzeug, das schon auf den ersten Blick offenbart, wo es entstanden ist: Nämlich dort, wo seit 1921 alle Guzzis gebaut worden sind, in den „heiligen Hallen“ dieser einmaligen Firma direkt am Ufer des Comer Sees. In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben sich die vor kurzem präsentierten Neumodelle für die Händler noch nicht positiv auswirken können; sie sind eben erst angeliefert worden. Deshalb wurden in Deutschland während des 1. Quartals statt der 350 Vorjahres-Einheiten heuer nur knapp 300 Guzzis erstmals zugelassen. Bis zum Jahresende wird aber dank der neuen V9-Modelle aus dem 15 Prozent-Minus von Januar bis März ein 15 Prozent-Plus geworden sein. Wetten? (Ulf Böhringer/SP-X)

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