MV Agusta Turismo Veloce 800: Das Dalli-Dalli-Reisen

Angriff auf Multistrada, Explorer, GS & Co.

| Redakteur: Stephan Maderner

Schneller reisen sowie spurtstark wie ein bekannter menschlicher 100-Meter-Sprinter: die neue MV Agusta Tursimo Veloce.
Schneller reisen sowie spurtstark wie ein bekannter menschlicher 100-Meter-Sprinter: die neue MV Agusta Tursimo Veloce. (Foto: Felix Hasselbrink)

Der italienische Motorradhersteller MV Agusta wagt den Sprung in neue Märkte und definiert das Segment der sportlichen Tourer auf eine sehr spezielle explosive wie exklusive Art und Weise.

Das Kurvengeschlängel zwischen Tourette-Levens, Colmars, Gattières, Vence und Gréolières ist ein Paradies für Biker. Über uns der azurblaue Himmel, perfekter Asphalt und ein geiles Motorrad unter dem Hintern: die neue MV Agusta Turismo Veloce. Es ist die bereits achte Version der 800er-Baureihe der exklusiven italienischen Motorradschmiede. In der französischen Provence betritt der Hersteller aus Varese neues Terrain. Wie schon die Wörter für die Modellbezeichnung verraten – Turismo heißt auf deutsch Reisen, und das Wort Veloce bedeutet schnell – will dieses Bike im Touringsegment, zumal dem sehr sportlichen, punkten.

„Die Turismo Veloce ist das kühnste jemals von MV Agusta gebaute Motorrad“, sagt kein Geringerer als Giovanni Castiglioni, derzeitiger Chef des Unternehmens, an dem sich seit kurzem AMG Mercedes mit 25 Prozent beteiligt hat. Dieses Mal habe man sich nicht von seinen 75 WM-Titeln inspirieren lassen, um neue Geschwindigkeits- oder Leistungsrekorde aufzustellen. „Wir haben allerdings eine Herausforderung angenommen, die vielleicht noch schwieriger war, zumindest für uns, da wir uns auf der Rennstrecke zu Hause fühlen: eine MV Agusta zum Reisen.“ Und so standen bei diesem neuen Motorrad erstmals nicht noch mehr Pferdestärken im Fokus der Entwickler, sondern weniger und für die Mehrheit der Biker kompatibler dosiert.

Kompaktes Kraftpaket

Befeuert wird das elegant designte Bike vom bekannten 798 Kubikzentimeter großen Dreizylinder-Reihenmotor, der auch in der Brutale, Rivale, Dragster, F3 und Stradale seine Arbeit verrichtet. Je nach Modell verpassen die MV-Ingenieure diesem Aggregat bis zu 140 PS Leistung. Bei der Turismo Veloce haben die Motorenbauer die Leistungskurve des Triple allerdings bei 85 kW/110 PS gekappt und dafür gesorgt, dass die Maschine im unteren und mittleren Drehzahlbereich ordentlich abgeht . Die maximalen 83 Newtonmeter liegen bei 8.000 min-1 an.

Laufkultur gepaart mit Dynamik

Die Laufkultur und die Dynamik dieses aus meiner Sicht wirklich hervorragenden Motors haben alle Testrider auf einer 230 Kilometer langen Testfahrt in Südfrankreich bass erstaunt: Potent, freudig drehend und im Wesentlichen frei von störenden Vibrationen. Ja dermaßen kultiviert, dass man selbst aus dem dritten oder vierten Gang heraus ohne Ruckeln am Kabel ziehen kann und sich smooth nach vorne katapultiert.

Ein weiterer Grund, warum die Turismo Veloce ein höchst agiles, falls der Pilot es möchte, sogar heftig rasantes Motorrad ist, liegt am geringen Trockengewicht von 191 Kilogramm. Rechnet man allerdings die Betriebsstoffe 22 Liter Benzin und Öl hinzu sowie die rund 900 Euro teuren Koffer (in die jeweils ein Vollintegralhelm passt), bringt das Bike am Ende dann doch 225 bis 230 Kilo auf die Waage. Macht aber nix. Das schlank gebaute Fahrzeug schlängelte sich trotz Koffern auch in der Rush-hour von Nizza sehr gut durch die Verkehrsstaus.

Überbordende Elektronik?

Überhaupt macht die Turismo Veloce ziemlich Laune und viel Spaß, weil das Handling so easy ist. Man fühlt sich wie im Satttel eines leichten Mountainbikes, nur dass die Kräfte von 110 Pferdestärken wirken. Das Fahrwerk liefert Komfort pur und lässt sich elektronisch vielfach einstellen. Wie überhaupt die Zahl der eingebauten Elektronikkomponenten durchaus als überbordend bezeichnet werden muss. Sind wir mal ehrlich – welcher Normalo-Biker an Bord braucht die theoretisch hunderttausend einstellbaren Einstellmöglichkeiten, die ein Motor & Vehicle Integrated Control System bietet? Es gibt drei voreingestellte Mapping-Optionen. Die Turismo bietet ein speziell für das Touring entwickeltes Kraftstoff-Mapping, bei dem die Leistung auf 90 PS begrenzt wird. In der Sporteinstellung wird die Höchstleistung auf 110 PS erhöht, während die Regenoption (80 PS) ein sicheres Fahren bei geringer Fahrbahnhaftung ermöglichen soll. Mit der vierten Option „Benutzerdefiniert“ kann der Fahrer verschiedene Parameter auswählen, um das bestmögliche Setup für die eigenen individuellen Wünsche zu erstellen. Einige der Parameter, die angepasst werden können, sind die Motordrehmomentkurve zusammen mit der Leistung (zwei Stufen), Aktivierungspunkt des Drehzahlbegrenzers (hart oder weich), Gasempfindlichkeit (drei Stufen), Motorbremse (zwei Stufen) Ansprechverhalten des Motors (zwei Stufen) und natürlich die Traktionskontrolle (acht Stufen). Noch Fragen? Wie gesagt – theoretisch alles möglich. Aber wer macht das schon und fummelt ständig an den Einstellungen herum?

Zu erwähnen ist an dieser Stelle auch das Gadget „Quickshifter“, ein elektronisches Bauteil, bei dem man ohne Betätigung der Kupplung blitzschnell rauf- und runterschalten kann und der passende Gang blitzschnell eingehakt ist. Braucht es dieses Feature allerdings wirklich – oder wird es von professionellen Motorradtestern überbewertet? Liest sich halt gut in den allfälligen adrenalingetränkten Fahrberichten, wie sich das Bike im Highspeed-Grenzbereich anfühlt. Doch ist es nicht viel eher so, dass selbst sportlich ambitionierte Biker, die mit ihren gängigen PS-Monstern auf Tour gehen, hin und wieder einen Blick auf die Landschaft erheischen und beim Durchfahren der Dörfer und Städtchen deren malerische Schönheit bewundern wollen – und nicht ständig die Tachonadel im illegalen Bereich tanzen lassen?

Sicherheit, neuester Stand

Apropos Sicherheit: Die Brembo-Bremsanlage (zwei Scheiben vorne, drei hinten) überzeugt auf der ganzen Linie. Die Bosch-ABS hält die Räder sicher am Boden. Als weiteres – wie ich finde – überflüssiges Gimmick wartet die Turismo Veloce mit opulenter Bluetooth-Technik auf. Jene koppelt nicht nur das Smartphone mit dem Zentralinstrument sondern insgesamt bis zu acht weitere Geräte! Wer's braucht: Fahrer, Beifahrer und Fahrzeug können – falls gewünscht – ständig Kontakt halten. Ja, sie können ihr Fahrerlebnis sogar über spezielle Apps mit der Motorrad-Community teilen.

Innovatives LED-Konzept

Das innovative Design der eleganten Maschine zeigt sich in den Details wie der LED-Beleuchtung, der farbigen Instrumententafel mit TFT-Technologie, den zwei USB-Anschlüssen und zwei 12-V-Steckdosen. Mit dem Lusso-Paket gibt es auch ein erweitertes GPS-Datenerfassungssystem, um das Motorrad speziell für jede Tour anzupassen. Die Datenerfassung beinhaltet Informationen über Strecke, Kraftstoffverbrauch und Motornutzung.

Zu den neuen Features der Turismo Veloce gehören unter anderem der hydraulische Steuerkettenspanner. Im Gegensatz zur Stradale bietet die Turismo Veloce eine mechanische Slipper-Kupplung. All diese Neuerungen ermöglichen ein Erhöhen der Wartungsintervalle von 6.000 auf 15.000 km. Das Intervall für Zündkerzenwechsel und Ventileinstellung wurde sogar auf 30.000 km erhöht. Sowohl Batterie als auch Lichtmaschine sind stärker, und zwar mit 450 statt bisher 350 W. Die Auspuffanlage ist ebenfalls neu mit einem 400-Zellen-Katalysator.

Eine Bike-Grazie

Insgesamt wirkt die in Rot oder Silber erhältliche MV Agusta Turismo Veloce wertig und edel und ist ordentlich ausgestattet. Der Basispreis von 14.990 Euro, noch dazu ohne Koffer, ist freilich kein Pappenstiel. Ab Juni kann der Käufer für die Luxusversion Lusso dann auch 16.890 Euro löhnen (und muss die 30 Liter-Koffer trotzdem extra zahlen). Dann kommen ein semiaktives Fahrwerk, Heizgriffe und der Hauptständer serienmäßig dazu. Wer sparen möchte, sollte auf eines der gut ausgestatteten 35 Modelle der„Edition 1“ ins Auge fassen, die für den deutschen Markt vorgesehen sind. Weltweit existieren nur 200 Sondermodelle.

Laut Country Manager Michael Burkhart haben allerdings nur ein Drittel der derzeit 55 MV Agusta-Händler einen Vorführer bestellt. Und dies, obwohl er ihnen für dieses extrem wichtige Motorrad verbesserte Vorführerkonditionen eingeräumt habe. Der neue Businessplan ist ambitioniert. Im ersten Quartal 2015 hat MV Agusta nach eigenen Angaben hierzulande um drei Prozent zugelegt. Im zweiten Quartal sollen die Zulassungen hierzulande gar um 53 Prozent wachsen.

Zur Markteinführung finden europaweit die MV Agusta Touring Days am 16. und 17. Mai statt. Alle teilnehmenden Händler präsentieren dann die Turismo Veloce (und die Stradale) dem interessierten Publikum; zur Markteinführung wird es die von uns gefahrene Turismo Veloce geben. Die Sonderedition Edition 1 wird einen Monat später, also Anfang Juni, beim Handel stehen. Die Turismo Veloce Lusso voraussichtlich Mitte Juli.

Fazit: Der Einstieg ins Sporttouringsegment ist MV Agusta mit der Turismo Veloce gelungen. Design, Motor und Fahrbarkeit sind top. Top ist allerdings auch der Preis. Doch berücksichtigt man, dass die Turismo Veloce seine Hauptwettbewerber in der Ducati Multistrada 1200, der BMW R 1200 GS, der Triumph Tiger Explorer oder der (im Mai kommenden) BMW S 1000 XR sieht, ist das Pricing durchaus nachvollziehbar. Nur der noch zitierte Gegner Tiger 800 XRxx ist deutlich billiger. Luxus, Eleganz und italienische Motorcycle Art haben halt ihren Preis.

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