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„Nee, Meister haben wir genug – arbeite mal auf Gesellenlohnbasis!“

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (Kalenderwoche 22/2015/I). Ein aktuelles Stimmungsbarometer aus Handel und Industrie rund um Motorrad, Roller und Quad/ATV – ein Radar, das Branchentrends von morgen auf dem Schirm hat.

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. Da dieser in Urlaub weilt, tut dies diesmal sein Kollege Jan Rosenow für ihn.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. Da dieser in Urlaub weilt, tut dies diesmal sein Kollege Jan Rosenow für ihn.
(Foto: Ducati/Collage: Elisabeth Haselmann)

Würzburg, den 26. Mai 2015 – Wie in der Vergangenheit bereits des öfteren von mir kommuniziert, soll der »bike und business«-Newsletter und insbesondere dieses Editorial ganz bewusst Denkanstöße geben für Motorradhändler, um über sich und die Zukunft der Branche konstruktiv nachzudenken. Klar, dass da manchmal sehr emotional und durch die je eigene Brille argumentiert und geschrieben wird. Manchmal bis die Fetzen fliegen, weil die Meinungen auch sehr überspitzt und ja, teilweise aggressiv, rübergebracht werden. Trotzdem sollen auch diese polarisierenden Thesen eine Chance haben, gehört zu werden, auch und gerade, wenn man anderer Meinung ist.

Zweiradmeister Ralf Röhrig von Zweiradtechnik Röhrig aus Monheim am Rhein, der bereits in der Printausgabe von »bike und business« vor einigen Jahren seine pointierten und teilweise von tiefem Skeptizismus vorgetragenen provozierenden Thesen zur Branche kundtun durfte, schrieb uns jüngst folgende offene Mail: „Ein Hallo und guten Tag, ich möchte dann doch einmal „meinen Senf“ dazu geben, nachdem ich mir jetzt schon über einen längeren Zeitraum verschiedene „verbale Ejakulate“ aus der Branche in Bezug auf geringere Werkstattauslastung, Preisdumping, Mitbewerber als „Ein-Personen-Shows“ usw. und so fort über Ihren Newsletter durchgelesen habe. Was soll eigentlich dieses ganze, letztlich nicht sehr rühmliche Gequatsche? 1.) In der Tradition haben ausgebildete Meister im Handwerk in der Regel früher oder später ihrem Ausbildungs- oder Mutterbetrieb den Rücken gekehrt und sich dann irgendwo niedergelassen und selbstständig gemacht. Wie sonst ist denn sonst die von vielen Meisterschulen teilweise aggressiv vorgenommene Werbung zu verstehen (gewesen)? Siehe Bundesfachschule Frankfurt (BTZ) oder auch Schweinfurt oder, oder... Einher ging das sogar mit Messepräsenzen an allen relevanten Standorten (danke, Herr Hunkeler und Herr Behmel!) Was sollten uns diese Bestrebungen denn sagen? Bildet euch weiter, aber bleibt bei eurem Arbeitgeber und hört euch dann das Geschwätz an: „Nee, Meister haben wir genug, arbeite mal auf Gesellenlohnbasis“ oder so ähnlich? Da ist es doch – inklusive der Tradition! – geradezu eine Zwangsläufigkeit, dass es statt weniger großer am Ende immer mehr kleine (aber gebildete!) Werkstätten auf dem Markt sind. Ach sooo: Ich bin übrigens einer davon – ein Einzeltäter sozusagen, kenne aber in meinem Umfeld noch viele weitere! Und das ist ja jetzt nur der Anfang unserer mittlerweile augenscheinlich auch europaweit verkorksten Zunft! 2.) Als unsere Regierung – ja, es war Rot-Grün!!! B die Ich-AGs ins Leben holten, war das doch erst recht der Startschuss zur Selbstständigkeit vieler – leider für sehr viele auch ein Weiterbildungs- und sonstwelche Kosten-Grab, von denen sich die meisten wohl bis heute nicht mehr erholt haben. Aber Hauptsache, selbstständig und eigenverantwortlich! 3.) Als dann so um das Jahr 2004 herum die Meisterpflicht im gefahrengeneigten Handwerk und sonst auch sozusagen „liberalisiert“ wurde (danke, Herr Clement, danke auch an die HWK Düsseldorf – ihr zahnlosen, abgehalfterten Tiger auf Sesseln), war klar, dass es noch mehr „Mitbewerbe“, noch kleinere „Schrauberbuden“ geben würde, als ein bis dato voll abschüssiger Zweiradmarkt überhaupt verkraften kann! Tatsache bleibt jedoch, dass die seit dieser Zeit geltende „Unerheblichkeit des Arbeitens in einem gefahrengeneigten Handwerk“ viele ordentliche Meister nachhaltig in der Lebens-Kostenkalkulation unermesslich geschadet hat. Mit dem Resultat, weiter zu verkleinern und alle sonstwelchen signifikanten Kosten irgendwie so gering wie möglich zu halten (Versicherung, Miete, Fuhrpark und und und....). 4.) Als dann die BANKENKRISE kam und politisch gewollt in eine „Staatsschuldenkrise“ umdeklariert wurde, unter deren Joch wir Kleinbetriebe wahrscheinlich noch lange zu arbeiten haben, war auf Grund der bis dahin schon vollständig „auf Kante genähten“ Betriebsstrukturen vieler Zweirad-Meister-Betriebe der letzte Sargnagel die ihn „begleitende“ Bank – und zwar für manche bis zum Aus! Hohe Risikobewertungen führen zu noch höheren Zinsen, am besten noch mit der Abtretung diverser „Lebensversicherungen“, dem Grundbucheintrag des Hauses und oder der Kontovollmacht des „Schubfaches“ in Luxemburg.... Ich habe noch mehr Punkte, habe aber gerade keine Lust mehr, weil ich heute noch Kunden mit „meisterhaftem Service“ bedienen will. Fazit ist doch schon jetzt: Das gesamte, in den letzten Newslettern vernommene „Geheule im Wald“ ist kläglich, angesichts der sich für einigermaßen intelligente und vor allem kritische Betrachter in unserer Branche – und nicht nur hier! – lange schon sichtbaren Situation! Wir sollten den Schneid besitzen, die Zunft – und damit jeden Meister! – hochzuhalten, die kümmerlichen Rest unserer Branche friedvoll verteilen – und uns dann mit wirklich wichtigen Dingen auseinandersetzen, nämlich: was tun wir mit „Sch..produkten“, was mit überbordendem Verpackungsmüll unserer Lieferanten, was mit dem „marktschreierischen Geschwätz und Hafengesang“ der Hersteller, was mit TTIP und vor allem: was tun wir wirklich mit dem Klima und den nachfolgenden Generationen??? Erst wenn das einvernehmlich, durchgreifend und sinnstiftend beantwortet werden kann, können wir es uns leisten, unrelevanteres „Stammtisch-Geschwätz“ wie im Newsletter der letzten Wochen zu bearbeiten! Danke und Grüße, Rolf Röhrig (Meister Röhrig Zweiradtechnik)“.

Verbale Ejakulate? Unrelevantes Stammtisch-Geschwätz im Newsletter? Nun ja. Jeder darf sich seine eigene Meinung bilden. So lange die Kritik nicht ehrverletzend wird oder persönlich unter die Gürtellinie geht, herrscht in diesem Land freie Meinungsäußerung. Ich bin nun gespannt, welche Reaktionen Röhrigs elektronischer Leserbrief mit seinen Thesen über die „verkorkste Zunft“ auslösen wird und freue mich jetzt schon, niveauvoll wie immer mit Ihnen darüber zu diskutieren.

(ID:43412063)

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