Petrolettes-Festival: Männer müssen draußen bleiben

200 Bikerinnen beim ersten Petrolettes-Festival in Berlin.

| Autor / Redakteur: Frauke Tietz / Judith Leiterer

Beim Petrolettes-Festival durften nur Frauen aufs Gelände. „Wir wollen Männer nicht ausgrenzen, sondern Frauen einbeziehen“, so Cäthe Pfläging.
Beim Petrolettes-Festival durften nur Frauen aufs Gelände. „Wir wollen Männer nicht ausgrenzen, sondern Frauen einbeziehen“, so Cäthe Pfläging. (Bild: Frauke Tietz)

Sie sind jung, sie sind hip und ihre Leidenschaft gehört vornehmlich alten Motorrädern. Gemeint sind die 200 Besucherinnen des Petrolettes-Festivals in Berlin. Frauke Tietz von »fembike« war vor Ort und schildert ihre Erlebnisse.

Mit viel Engagement und Leidenschaft veranstaltete der Motorrad-Club „The Curves“ unter Leitung von Cäthe Pfläging und Irene Kotnik vom 29. bis 31. Juli 2016 das erste Frauen-Motorradfestival „Petrolettes“ in Berlin. Inspiriert durch die amerikanische Initiative „Babes ride out“, die Bikerinnen aus der virtuellen in die reale Welt bringt, kreierten die beiden Powerfrauen ein buntes Event, das eine ganz neue Generation von Bikerinnen anspricht.

Golden glitzert Karins Honda 550 Four in der Abendsonne. Sie ist gemeinsam mit ihrer Truppe „Lipstick & Gasoline“ aus Süddeutschland angereist. Mit perfektem Make-Up und Haarstyling haben sie die Zelte aufgebaut, den Grill angeheizt und das Bier gekühlt. Während ich nach über 600 Autobahn-Kilometern ziemlich platt und wenig repräsentativ ankomme, sitzen sie gemütlich unter ihrem Pavillon. Die Motorräder haben die Frauen auf dem Hänger oder im Bus transportiert. Verständlich, denn das alte Eisen ist weder reisetauglich noch zuverlässig – aber es sieht klasse aus.

Meine Ducati Scrambler Icon hat den Weg problemlos geschafft, nur mein Hinterteil verlangt nach Erholung. Zelten ist ja nicht so meine Domäne, doch bei diesem Festival hätte ich nur die halbe Stimmung mitbekommen, wenn ich in einem Hotel übernachtet hätte. Und so ignorierte ich das Fehlen einer Dusche und tauchte ein in die ausgelassene Atmosphäre, quatschte mit meinen Zeltnachbarinnen und schaute mir die Motorräder der Neuankömmlinge an.

Frauen unter sich. Natürlich habe es im Vorfeld Vorurteile und Anfeindungen gegeben, erzählt Cäthe. Denn Männer sind auf dem Gelände nicht zugelassen. „Wir wollen Männer nicht ausgrenzen, sondern Frauen einbeziehen“, erklärt die gebürtige Kölnerin das Event-Konzept. Von der Industrie enttäuscht, nehmen sie es jetzt selbst in die Hand und bringen Frauen zusammen, die Motorrad fahren, oder Bekleidung und Zubehör herstellen oder verkaufen. Ein hoher Anspruch, doch die Community ist tolerant. Die Männer, die beim Catering und in der Security arbeiten, dürfen bleiben.

Wichtig ist das Programm. Und da ist für jeden etwas dabei: Relaxen, Quatschen, Straßenrennen, Party, Musik und Kultur. Fotokünstlerin Lanakila MacNaughton ist zu Gast, die Motorradfahrerinnen aus aller Welt porträtiert hat. Auch eine Auswahl von Filmen über Frauen in der Motorradwelt vom Motorcycle Film Festival in Brooklyn, N.Y. wird am ersten Abend gezeigt. Hauptsache alle haben Spaß.

Am Samstagmorgen bin ich früh wach. Die Isomatte war doch nur mäßig bequem, außerdem starten die ersten Flugzeuge vom nahegelegenen Flughafen Tegel. Ich krabble aus dem Zelt und setze mich ans Wasser. Die Kühle am Morgen weckt schnell alle Lebensgeister. Ein paar Mutige nutzen die Zeit für ein erfrischendes Bad in der Havel. Zum Frühstück gibt es Rührei aber auch Porridge mit frischem Obst. Das Catering ist eine Wohltat für alle, denen Pommes und Steakbrötchen auf Festivals zum Hals raus hängen. Hier gibt es Burger mit frischen Zutaten, wahlweise vegetarisch oder vegan.

Irgendwann am Vormittag versammeln Cäthe und Irene alle in der BBQ-Area. Der Corso durch die Stadt und die Sprintrennen werden besprochen. Es wird fleißig Englisch geredet, was nicht nur modern sondern auch praktisch ist, damit auch die Teilnehmerinnen aus Dänemark, Polen, Holland und sogar aus Island und aus den USA verstehen, worum es geht. Die Abfahrt ist dann etwas chaotisch. Ich sehe zu, dass ich beim Losfahren vorne in der Gruppe mit schwimme.

60 Bikes durch den dichten Berliner Stadtverkehr zu führen – ohne Polizeieskorte oder Straßensperren – ist schon eine Herausforderung. Wir fahren raus aus Berlin Richtung Osten. Nach einer Dreiviertelstunde halten wir irgendwo im Nirgendwo. Als Rennstrecke dient eine gerade Straße aus Betonplatten. Die Entfernung zwischen Start und Ziel wird nicht gemessen, auch nicht die gefahrene Zeit. Immerhin gibt es Flaggirls auf Rollschuhen, die Start und Ziel markieren. Jede, die Lust hat, kann mit ihrem Motorrad mitfahren. Einzig die Kubikzahl der gegeneinander antretenden Maschinen sollte ähnlich sein. Jetzt wird es mir doch etwas mulmig, denn es gibt keine Genehmigung und auch keine Sicherheit vor Ort . Doch die anderen scheint das nicht zu stören. Motoren röhren auf, es wird Gas gegeben, bis zum Anschlag. Jede bekommt ihren Applaus und alle haben Spaß.

Let's party – Music, Merchandise and More: Als wir am frühen Abend zum Festivalgelände zurückkommen, ist die Händlermeile aufgebaut. Es gibt „The Curves“-Merchandising-Artikel, handgearbeitete Nierengurte für über die Lederjacke, Accessoires und stylische Motorradklamotten, die man bei Ketten und Händlern vergebens sucht. Die obligatorische Tattoowiererin darf natürlich auch nicht fehlen. Während ich einen Veggie-Burger verdrücke werden kurzentschlossen die schönsten Motorräder gekürt. Später am Abend nimmt die Party dann noch einmal Fahrt auf. Die Punk-Rock-Band Gurr heizt dem Publikum richtig ein. Den krönenden Abschluss bildet ein Raffle – zu Deutsch: Tombola. Die Verlosung ist wie das komplette Event – eine einzige Party. Konfetti fliegt, die Szene feiert sich selbst: weiblich, unkonventionell, selbstbewusst. Diese Frauen machen Lust auf mehr – mehr Motorrad, mehr Miteinander, mehr Lebensfreude. Sie sind „motovierend“ hinsichtlich Toleranz und Vielfalt. Sie nutzen moderne Medien perfekt, um sich zu vernetzen und zu inszenieren. Wenn auch vieles improvisiert war und nicht alles einer behördlichen Prüfung standgehalten hätte, war dieses Fest auf jeden Fall eine Inspiration und Bereicherung für die gesamte Szene. Und eines hat ganz sicher nicht gefehlt: Männer.

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