Piaggio MP3 300 hpe: Schräg macht lustig

Fahrbericht aus Paris

| Autor / Redakteur: Holger Holzer/SP-X / Stephan Maderner

Der Piaggio MP3 300 hpe soll insbesondere jüngere und (fahr)aktivere Menschen auf die Seite der Neigetechnik-Scooter ziehen.
Der Piaggio MP3 300 hpe soll insbesondere jüngere und (fahr)aktivere Menschen auf die Seite der Neigetechnik-Scooter ziehen. (Bild: David Pell/Piaggio)

Der Piaggio MP3 300 hpe soll insbesondere jüngere und (fahr)aktivere Menschen auf die Seite der Neigetechnik-Scooter ziehen.

Kaum hat die Vespa 300, Deutschlands absoluter Roller-Liebling, ein neues, stärkeres Triebwerk bekommen, verpflanzt Mutter Piaggio diesen Motor auch in seine MP3-Baureihe. Damit ausgerüstet, nimmt der eben vorgestellte MP3 300 hpe die Rolle eines neuen Einstiegsmodells in diese Fahrzeuggruppe ein: Er kostet mit 7.015 Euro nämlich deutlich weniger und ist zudem bis zu 50 Kilogramm leichter und dadurch spürbar handlicher als die „Fullsize“-Versionen MP3 350 und MP3 500.

2006 erschien der erste MP3, und während diese neuartige Scooter-Spezies insbesondere im Großraum Paris schnelle, nach wie vor anhaltende Erfolge einfahren konnte, umkurven die als forsch bekannten Italiener das Dreirad-Konzept bis heute skeptisch. In Frankreich, Deutschland und Spanien – das sind die zahlenmäßig bedeutsamsten MP3-Absatzmärkte – haben insbesondere Männer jenseits der 40 die Vorteile des Konzepts längst erkannt: Vor allem die Fahrstabilität bei widrigen Umständen (Kopfsteinpflaster, wenig Grip, nasse Fahrbahn) verschafft dem MP3 und seinen mittlerweile entwickelten Rivalen der Marken Peugeot und Quadro ein unbestreitbares Sicherheitsplus. Zudem dürfen sie in den meisten Ländern Europas mit dem Pkw-Führerschein gefahren werden, zumindest dann, wenn der Fahrer mindestens 21 Jahre alt ist. So kommt’s, dass Piaggio mittlerweile auf mehr als 180.000 gebaute MP3 zurückblicken kann.

Das jüngste Pferd im MP3-Stall

Das jüngste Pferd im MP3-Stall ist also der 225 Kilogramm wiegende 300 hpe. Mit einem Preis von 7.015 Euro ist er rund 1.700 Euro günstiger als der um vier PS stärkere, aber auch 31 Kilogramm schwerere und etwas voluminösere 350er und sogar um mehr als 3.000 Euro günstiger als die „billigste“ 500er-Version. Ein „Arme-Leute-Gefühl“ kommt auf dem 300er deshalb aber nicht auf, denn an den fürs Pendeln zum Arbeitsplatz nötigen Dingen hat Piaggio nicht gespart: Es gibt eine USB-Steckdose im kleinen Ablagefach über dem Cockpit, ein gut informierendes LC-Display samt Fernbedienung vom Lenker aus, dazu bestens ablesbare, runde Armaturen sowie genügend Stauraum unterm bequemen, nicht zu hoch montierten Sitz. Der Windschutz trägt bis hinauf zum Höchsttempo von 120 km/h seinen Namen durchaus zu Recht. Das vom 19,3 kW/26 PS leistenden, 278 Kubikzentimeter kleinen Einzylindermotor gelieferte Temperament reicht dank recht kurzer Übersetzung des stufenlosen Variomatikgetriebes aus, um bei neun von zehn Ampel-Grüns einen Sofortabstand zu den ebenfalls aus der ersten Reihe startenden Autos herzustellen.

Agiles Vorwärtskommen

Um sich im dichten Stadtverkehr diesen Platz zu erobern, bedarf es einer hohen Wendigkeit. Roller und kleinere Motorräder ohne Koffer bringen das Talent zum erfolgreichen „Durchwursteln“ von Haus aus mit, und auch mit dem MP3 300 ist solches durchaus möglich, wenngleich ein herkömmlicher Kompaktroller, beispielsweise eine Vespa, das natürlich noch besser kann. Aber bescheidene 80 Zentimeter Fahrzeugbreite und ein Radstand von knapp 1,50 Meter sowie eine sehr gut funktionierende Lenkung des MP3 300 versetzen den Fahrer im Zusammenspiel mit feinem Ansprechen auf Gas-Befehle und bester Übersicht in eine gute Ausgangsposition, sich die für flottes Vorwärtskommen nötigen Freiräume zu erobern. Den etwas kräftigeren, aber auch feisteren Brüdern ist der Dreihunderter insofern überlegen.

War es bei bisherigen MP3-Modellen immer schwierig, das unvorteilhaft positionierte Fußbremspedal zu betätigen, so besteht dieses Problem ab sofort nicht mehr: Der Dreihunderter, aber auch seine Geschwister, weisen nun ein besser erreichbares Bremspedal auf. Mit seiner Hilfe wird die Kombi-Bremsfunktion aller drei Bremsscheiben in Funktion versetzt, und das zeigt sich im Fall des Falles als echter Vorteil. Ein kräftiger Tritt aufs Pedal vernichtet kinetische Energie spürbar schneller als die Betätigung der beiden Handhebel. Ein ABS wacht zudem sorgsam über allfällige Radblockaden.

Nah am fliegenden Teppich

Die beiden hinteren Federbeine sowie ihre Pendants an der komplizierten Parallelogramm-Vorderradführung filtern kleinere Versäumnisse der Straßenbauer sehr gut heraus, kommen aber bei groben Gemeinheiten – ausgeprägte Kanaldeckel- oder Brückenfugen, Löcher im Asphalt und ähnliches – an den Rand ihrer Möglichkeiten. Ein „fliegender Teppich“ ist der MP3 300 insofern nicht, dafür sind wohl auch seine Räder zu klein. Aber es ist nach wie vor ein großes Vergnügen, in kräftiger Schräglage um Ecken zu wetzen, vor denen die Fahrer von Einspur-Rollern Manschetten haben und, versuchen sie einem MP3 zu folgen, die Luft anhalten. Das Sicherheitsnetz eines MP3 ist auch beim Dreihunderter zur Gänze vorhanden.

Serienmäßig gut ausgestattet

Das Nötige und Wichtige an Ausstattung (Neigetechnik-Verriegelung, Hauptständer) ist serienmäßig vorhanden, und auch ein paar nette Kleinigkeiten wie zierliche LED-Blinker sowie ein gut sichtbares LED-Tagfahrlicht werden aufpreisfrei mitgeliefert. Noch mehr Ausstattung gibt es auf Wunsch und gegen gutes Geld beim Piaggio-Händler. Er offeriert nicht nur ein Topcase, sondern auch eine Griff- und sogar eine Sitzheizung und anderes mehr. Wer den Dreihunderter von Anfang an etwas üppiger haben möchte, kann zur „Sport“-Version greifen, für die es nicht nur hellere Farben, sondern auch nette Kleinigkeiten wie rote Federn, farbig abgesetzte Sitznähte und strukturierte Aluminium-Trittbretter statt düsterer Gummiauskleidungen gibt. Auch sogenannte Wave-Bremsscheiben und das Connectivity-System MIA zählen zum Umfang des „Sport“-Pakets, für das 300 Euro Aufpreis bezahlt werden müssen.

Alles in allem ist der MP3 300 ein „rundes“ Angebot: Mit 3 bis 4 Litern Verbrauch pro 100 Kilometer ist er ausreichend sparsam, zudem gibt er sich komfortabel (Sitz, Windschutz, Vibrationen, Automatik…) und vor allem fahrsicher. Und Spaß macht er auch noch, denn man grinst auch dann noch unterm Helm, wenn auf Einspur-Rollern die Gesichtszüge angestrengt wirken.

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