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Power allein genügt nicht – Analyse des Motorradjahres 2015

Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Viel Leistung – schön und gut. Aber für gute Absatzzahlen braucht es auch stimmige Konzepte und ein Gespür für versteckte Kundenwünsche. Ein profunder Blick hinter die nackte Neuzulassungsstatistik.

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Unser Autor Ulf Böhringer im Sattel der BMW R Nine-T.
Unser Autor Ulf Böhringer im Sattel der BMW R Nine-T.
(Foto: BMW)

Mehr als 102.000 neu zugelassene Krafträder über 125 Kubikzentimetern Hubraum verzeichnete der Industrieverband Motorrad (IVM) in seiner Abschluss-Statistik für vergangenes Jahr – eine Steigerung um rund 5,6 Prozent und damit der beste Wert seit sieben Jahren. Der vertiefte Blick auf die Zahlen 2015 und auch auf die der Vorjahre offenbart allerdings, dass nicht alle Marken Grund zur Zufriedenheit haben: Während BMW, Yamaha, KTM, Suzuki und Moto Guzzi nun schon mindestens zwei Jahre in Folge eine positive Entwicklung zeigen, ging es bei Honda und Triumph bereits das zweite Jahr hintereinander bergab. Gestoppt wurde 2015 der jahrelang Höhenflug von Harley-Davidson: Mit einem Minus von fast 7 Prozent und wieder weniger als 10.000 Zulassungen hat der US-Traditionshersteller den dritten Platz in der Hersteller-Hitparade 2014 eingebüßt und rangiert nur noch auf Rang fünf. Neue Modelle haben dagegen Ducati, Aprilia und Husqvarna 2015 ins Plus gebracht.

Überflieger des Jahres sind die Marken Betamotor aus Italien (plus 63 Prozent auf 1.135 Einheiten) und – auf deutlich niedrigerem Niveau – die zum amerikanischen Polaris-Konzern gehörende Marke Indian mit nunmehr 525 Neuzulassungen (plus 127 Prozent). Damit hat Indian, wo man ausschließlich Klassik-Bikes baut, bereits in seinem zweiten Jahr auf dem deutschen Markt die zum selben Konzern gehörende Marke Victory (426 Einheiten, plus 19 Prozent) überflügelt. Es sieht ganz so aus, als seien die Erfolge der beiden Polaris-Marken auch ein Grund für den Rückgang der Harley-Zahlen um immerhin 700 Einheiten binnen der letzten 12 Monate.

BMW Motorrad kann sich dagegen nicht nur über einen Allzeit-Produktionsrekord von fast 137.000 Motorrädern und Maxi-Scootern (plus elf Prozent) freuen, sondern auch über einige bemerkenswerte Modellerfolge auf dem Heimatmarkt: Insbesondere die klassisch gezeichnete R nineT mit 2.650 Zulassungen sowie die erst seit Jahresmitte lieferbaren Neumodelle S 1000 XR (1.130 Einheiten) und R 1200 RS (975 Stück) konnten sich bestens in Szene setzen; auch der Power-Roadster S 1000 R legte gegenüber dem schon erfolgreichen Vorjahr nochmals zu und erreichte 1.830 Zulassungen. Noch besser war nur der neue Boxer-Roadster R 1200 R (1.941 Stück) – und natürlich der Dauerbrenner R 1200 GS. Die Erfolgs-Reiseenduro erlitt vergangenes Jahr allerdings Blessuren: Die Zulassungszahl sank um über 1.000 Einheiten und liegt nun bei gut 7.200 Stück. Einige davon dürften auf das Konto der erfolgreichen neuen XR gehen, die ja eine Art „Vierzylinder-GS“ darstellt. Wie aus Firmenkreisen zu hören ist, verlagert sich das Kundeninteresse bei der R 1200 GS inzwischen immer stärker hin zum Topmodell „Adventure“.

Einen in der Firmengeschichte einmaligen Erfolg feiert die italienische Marke Ducati: Die 2015 erstmals erhältliche „Scrambler“ avancierte auf Anhieb mit fast 15.000 gebauten Exemplaren zur klaren Nummer eins im Modell-Portfolio. Alleine 1.662 Stück davon wurden in Deutschland zugelassen, was erstmals eine Ducati unter die Top Ten der Modell-Hitparade brachte (9. Platz). Der hohe Scrambler-Anteil macht allerdings auch deutlich, dass das 2015er Ducati-Plus von fast 24 Prozent oder rund 1.100 Einheiten ausschließlich auf diesem einen Modell beruht, das sich offenbar als „Einsteiger-Ducati“ etabliert hat.

Der Erfolg des Ducati Scrambler ist ein klarer Hinweis darauf, dass die nach dem Erscheinen der BMW R nineT in Gang gekommene Hinwendung der Kunden zu Retro-Modellen weiter gehen wird. Für 2016 haben insbesondere Triumph und Yamaha klassische oder zumindest klassisch wirkende Modelle vorgestellt; auch BMW wird – wenn auch erst im Sommer – eine Scrambler-Version bringen. Alle diese Fahrzeuge sind potenzielle Wettbewerber für Harley-Davidson, wo man ja bisher fast ein Monopol auf das „entschleunigte Fahrvergnügen“ hatte. Triumph hat deshalb gute Aussichten, 2016 den bislang negativen Trend (minus zehn Prozent) umzukehren.

Dem Retro-Trend entsagt Zweirad-Gigant Honda bisher fast gänzlich. Auch dies ist ein Grund dafür, dass die japanische Marke mit dem Flügel auf dem deutschen Markt mit am stärksten lahmt: Ein Minus von jeweils rund 7 Prozent in den vergangenen beiden Jahren ist fatal. Das Honda-Modellprogramm weist seit längerem keine „Kracher“ mehr auf, wie sie beispielsweise Yamaha mit den Modellen MT-07 und MT-09, Kawasaki mit der ER-6n oder BMW mit der R nineT landen konnte. Nur vier Honda-Modelle unter den deutschen Top 50 sind ein deutliches Zeichen dafür, während beispielsweise Kawasaki sieben, Yamaha fünf und selbst die weitaus niedrigere Zahlen schreibende Marke Suzuki sechs Modelle gut platzieren konnte. Die Honda-Händler hoffen, dass die eben erst vorgestellte Reiseenduro „Africa Twin“ positive Zeichen setzen kann; es soll alleine in Deutschland 500 Blind-Bestellungen für dieses Modell geben.

Ein leichtes Plus (2 Prozent) registrierte 2015 auch die Marke KTM. Extrem gut absetzen ließen sich die 690er Einzylinder-Typen sowie das Power-Nakedbike 1290 Super Duke R. Die Reiseenduro 1190 Adventure erlebte in ihrem dritten Modelljahr allerdings einen bösen Absturz: Aus 1.537 Zulassungen und Rang 7 in der Hitliste wurden nur 592 und Rang 50. Das neue Topmodell 1290 Super Adventure schaffte es in seinem ersten Jahr noch nicht so weit nach vorne

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