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Ralf Jodl: Der Lebenskünstler

| Autor / Redakteur: Birte Kock / Dipl. sc. Pol. Univ. Stephan Maderner

Den Traum, die Lieblingsbeschäftigung zum Beruf zu machen, haben viele. Für Ralf Jodl ist sein Hobby aber nicht nur seine größte Passion, sondern auch seine Berufung geworden. Aus dem klassischen Garagen-Start-Up hat sich mit der Zeit ein erfolgreiches Unternehmen entwickelt, das der Vespa-Fan mit Herzblut führt.

Ralf Jodl brennt von Anfang an für die Marke Vespa.
Ralf Jodl brennt von Anfang an für die Marke Vespa.
(Bild: Günter Schachermayer)

Man kann es sich bildlich vorstellen: Der laue Wind weht durch die Weinberge in der Toskana und die Sonne strahlt warm auf den Asphalt der von Zypressen gesäumten Straße, die sich um den sanften Hügel schlängelt. Aus der Ferne ist ein Summen zu hören, das die zirpenden Zikaden unterbricht. Es klingt fast wie eine Wespe, die einem ums Ohr sirrt. Doch um die Dolce Vita zu spüren, muss man nicht unbedingt in Italien sein.

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Vor dem SIP Scootershop in Landsberg am Lech steht eine knallgelbe summende Vespa und versprüht diesen italienischen Charme. Ebenso wie ihr Besitzer: der SIP Co-Gründer Ralf Jodl.

An Rollern herumzuschrauben, war schon seit seiner Jugend ein Hobby des 46-jährigen. Begonnen hat das Ganze, als er mit seinem Kumpel Alex Barth in der heimatlichen Garage Zweitakter reparierte. Die hellblauen Augen leuchten auf, als er von seiner ersten eigenen Vespa und den anfänglichen Erfolgen des Ersatzteillagers erzählt. Die Zahl der Anfragen von Freunden stieg damals rasch und mehr und mehr Originalersatzteile mussten organisiert werden.

„Ralf ist ein Lebenskünstler, ein richtiges Start-up-Genie!“, weiß Stephan Maderner, Chefredakteur der bike und business und langjähriger Kontakt Jodls. Inzwischen ist es 26 Jahre her, dass Jodl und Barth in Landsberg die Firma SIP gegründet haben. Und damit ein international erfolgreiches Unternehmen starteten, das so ziemlich jedes Rollerersatzteil weltweit verschicken kann. Das Business Administration Studium an der Universität Augsburg hat Jodl für seine Berufung frühzeitig beendet. Die Firma habe einfach zu viel Aufmerksamkeit benötigt, gibt er grinsend zu, wobei die Grübchen um seine Mundwinkel sichtbar werden. 120 Mitarbeiter unterstützen Jodl und Barth nun bei ihrem gemeinsamen Traum, auf 7000 Quadratmetern Lagerfläche das Liefern von Ersatzteilen in die ganze Welt zu organisieren.

Mit einem langjährigen Freund ein Unternehmen zu führen, scheint für Ralf Jodl kein Problem zu sein. Er sitzt entspannt in seinem Office, die Cap locker auf dem Kopf und das Jeanshemd ist leicht aufgeknöpft. Als er über das gemeinsame Arbeiten nachdenkt, stellt er fest, dass beide „sehr unterschiedlich vom Naturell aus sind“. Während Alex Barth für Einkauf und Logistik zuständig ist, kümmert sich Jodl um Marketing und Vertrieb. „Ich glaube, wir ergänzen uns eigentlich ganz gut“, denn was Barth durch sein Studium des Ingenieurswesen vorweisen kann, gleicht Jodl durch Intuition und Kreativität aus.

Den ganzen Tag für alle verfügbar zu sein und gleichzeitig fokussiert sowie zielstrebig zu arbeiten, gehört für den Unternehmer genauso zum Alltag, wie seine Fluchten daraus. „Ralf ist einer der sagt, er muss nicht stundenlang in der Company sein. Bei schönem Wetter schnappt er sich seine Vespa, fährt in die Pampa und legt sich mit seinem Laptop an einen See“, meint Maderner.

Diese kreativen Auszeiten ermöglichen ihm schließlich, den Überblick zu bewahren. Denn obwohl ihn seine Eigenschaft, manchmal etwas unstrukturiert zu sein selbst stört, fände Jodl es noch schlimmer, total durchgeplant zu sein. „Dabei geht die kreative Freiheit verloren“, meint er und streicht sich verlegen über den Kopf. Und wenn seine kurzen braunen Locken einmal nicht unter einem Helm klemmen, dann wehen sie im Wind auf dem Ammersee. Denn das Segeln reizt den lebenslustigen Jodl seit zehn Jahren. Gerade das technische Hintergrundwissen, wie alles an Deck so funktioniert, interessiert ihn sehr. Ein großes Tattoo eines Leuchtturms am Arm zeugt von seiner Begeisterung des Wassersports als Ausgleich.

Doch selbst wenn keine Zeit für eine ausgiebige Rollerausfahrt oder eine Segelrunde ist, genügt Jodl häufig ein kurzer Stopp im SIP Café, der SIPeria, um sich dort über einem Cappuccino mit Rollerfreunden und Kollegen auszutauschen. Dem Vertriebsleiter Christan Seidel zufolge ist sein Chef dann „die Ruhe selbst, denn er betrachtet die Dinge mit Abstand und schaut sich das Ganze von oben an, um so eine sehr liberale Lösung für jegliches Problem zu finden“. Dieser offene und entspannte Umgang mit den Mitarbeitern gehört zum Alltag bei SIP dazu und fördert laut Jodl den Teamgeist und auch die Beziehungen untereinander.

Der Unternehmer ist fest davon überzeugt, dass „die Vespa immer diese italienische Lebensart an sich mitbringt.“ Und das bedeutet für ihn auch, den Beruf mit seiner Familie zu vereinen. Sein kleiner Sohn durfte schon mehrmals im Körbchen auf der gelben Vespa mitfahren, um die Leichtigkeit der Fortbewegung von Kindesbeinen an wertzuschätzen. Der Freiheitsgedanke hinter dem Transportmittel begeistert Jodl nach wie vor: „Für mich ist eine alte Vespa ein Kulturgut. Sie ist für mich nicht nur ein Fahrzeug. Nicht umsonst steht im Museum of Modern Art in New York eine Vespa.“

Der besondere Roller bietet eben einiges an Gesprächsstoff und ist laut Jodl häufig „der gemeinsame Nenner, und der verbindet total“. Weltweit sind die Roller verbreitet und ihre Fahrer finden überall Anschluss. „Das funktioniert in Kopenhagen, in New York und auch in Tokio“, meint Jodl und schwelgt in Erinnerungen. Bei dem Gedanken an eine Vespa-Kneipentour in New York umspielen Lachfalten seine strahlenden Augen. „Das ist eine richtige Subkultur, die hinter der Vespa steckt. Eine ganze Community! Da ist viel mehr als nur das Transportmittel.“ Genau wie bei Ralf Jodl. Da ist viel mehr als das, was man auf den ersten Blick sieht. Da ist nicht nur der Rollerfan, das Start-Up-Genie und der verheiratete Familienvater – hinter seinem herzlichen Lachen steckt ein richtiger Lebenskünstler!

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