Reform der Zweiradführerscheine: Politik „interpretiert“ falsche Unfallzahlen

Umstrittene Umsetzung der 3. EG-Führerscheinrichtlinie

26.10.2010 | Autor / Redakteur: Stephan Maderner / Stephan Maderner

Kämpfernatur: Hans Jürgen Weinrich, Motorradhaus Winckler, Dortmund.
Kämpfernatur: Hans Jürgen Weinrich, Motorradhaus Winckler, Dortmund.

Hans-Jürgen Weinrich, Inhaber Motorradhaus Winckler Dortmund und Vorsitzender Fachausschuss Motorrad im ZDK schreibt einen offenen Brief an den Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Jan Mücke (FDP).

Der Verkehrsausschuss des Deutschen Bundesrates entscheidet am 10. November 2010 über die Neuregelung des Zugangs zu den Zweiradführerscheinen. Debattiert und abgestimmt wird über die fünfte Verordnung (VO) zur Änderung der Fahrerlaubnis-Verordnung und anderer straßenverkehrsrechtlicher Vorschriften. Sie liegt der Redaktion von »bike und business« vor und steckt voller Widersprüche (siehe auch Artikel: „Reform der Zweiradführerscheine: Politiker ohne Hirn und Verstand“).

Die bevorstehende Debatte im Verkehrsausschuss des Bundesrates hat Hans Jürgen Weinrich, Inhaber des Dortmunder Motorradhauses Winckler und Vorsitzender des Fachausschusses Motorrad im ZDK, veranlasst, einen offenen Brief zu verfassen. Gerichtet ist das Schreiben an Jan Mücke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Der FDP-Politiker fährt selbst Motorrad und sollte in Sachfragen zum Thema Führerschein eigentlich „sattelfest“ sein.

Sehr geehrter Herr Mücke,

mir liegt Ihr Schreiben an Herrn MdB Dieter Jasper mit Ihrer Stellungnahme zum Führerschein AM15 sowie A1 in B vor. Die Umsetzungsverordung für den Deutschen Bundesrat, die am 10.11.2010 beraten werden soll, liegt mir ebenfalls vor.

Sehr geehrter Herr Mücke, ich bin entsetzt darüber, dass nach wie vor falsch interpretierte Unfallzahlen aus unserem Nachbarland Österreich angewendet werden, ich hoffe nicht mit Absicht. Es liegen nicht nur mir, sondern allen Beteiligten der Verkehrsausschüsse, die aktuellen Auswertungen des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KfV) vor.

Richtig ist, dass der Führerschein AM15 bis zum 30. August 2009 nur mit einer theoretischen Unterweisung zu erlangen war. In dieser Situation haben sich tatsächlich die Unfallzahlen der Jugendlichen um bis zu 32 Prozent gesteigert. Aus dieser Erkenntnis wurde der Führerschein AM15 ab dem 1.9.2009 zusätzlich mit einer fahrpraktischen Unterweisung im Straßenverkehr verordnet.

Die Verkehrsministerin Frau Doris Bures konnte Anfang Juli 2010 einen deutlichen Rückgang von 16,5 Prozent der Mopedunfälle, mit der klaren Aussage der verbesserten Mopedausbildung, verkünden.

Ich bin der festen Überzeugung, dass mit meiner Forderung eine fahrpraktische sowie theoretische Ausbildung in den Fahrschulen durchzuführen, es keine Zunahme der Unfallzahlen geben wird.

Unglücklich ist dagegen der relativ einfache Erwerb des Mofaführerscheins sowie die Möglichkeit ohne gesonderte Ausbildung mit 17 als Inhaber des Führerscheins „Begleitendes Fahren“ einen Roller mit 45 km/h zu führen.

Auf Seite 49 der Verordnung, Einschluss der Leichtkrafträder (A1) in die Klasse B, ist für mich eine absolute Katastrophe passiert. Im letzten Absatz wird dem Inhaber der Fahrerlaubnisklasse 3 (nicht B) mit einem praktischen Befähigungsnachweis das Führen eines 35 KW (48,5 PS) Krades ermöglicht. Hier übernimmt der Bundesrat die Verantwortung für zukünftig zunehmende Unfälle mit schwersten Folgen.

Sehr geehrter Herr Mücke, das halte ich, mit Verlaub, als absolut gefährlich und auch nicht realistisch. Ich halte es auch nicht für durchführbar und an den Zielen und wichtigen Forderungen für den urbanen Verkehr nicht sinnvoll. Unsere Bürger und Arbeitnehmer brauchen eine Alternative zum öffentlichen Verkehr sowie als Ersatzfahrzeug für den Zweitwagen. Diese Klientel hat seit Jahren einen Führerschein u.a. Klasse B und kann mit zwei oder drei Doppelstunden in einer Fahrschule fahrpraktische Kenntnisse für ein 125-cm³-Zweirad mit max. 11 KW (15 PS) erwerben.

Fast alle westlichen Industrieländer schließen den Führerschein A1 in den Klasse B ein. Das lehne ich ohne fahrpraktische Unterweisung, wie ehemals Klasse 3 bis zum 1.4.1980, ab. Der Code 111 des Nachbarlandes Österreich macht die Angelegenheit durchaus praktikabel und ohne Risiko durchführbar. D.h. 5 Jahre Führerschein B, 2, 3 oder mehr Fahrstunden (je nach Fähigkeit) in einer Fahrschule und mit einer fahrpraktischen Prüfung den Zugang zum A1 erwerben.

Ich bin sicher dass Sie die Vorgaben der VO in dieser Form nicht für Gut heißen können. Gerne von Ihnen zu hören verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

Hans Jürgen Weinrich

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