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So profitiert der Motorradhandel von den Corona-Lockerungen

Seit Mittwoch dieser Woche ist klar: die Bundesregierung hat eine Exit-Strategie aus der Coronakrise. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist, dass sich vielerorts die Zulassungsämter im Shutdown befinden und das Gewerbe entweder vor verschlossenen Türen steht oder Angebote fehlen, diese hoheitliche Aufgabe digital zu erledigen.

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Viel Platz, um die Abstandsregel einzuhalten: Motorradhändler wie Holzleitner in oberbayrischen Winhöring, sehen sich gerüstet, die Corona-Hygienevorschriften einzuhalten. Sorgen bereiten im Moment die vielerorts geschlossenen Zulassungsämter.
Viel Platz, um die Abstandsregel einzuhalten: Motorradhändler wie Holzleitner in oberbayrischen Winhöring, sehen sich gerüstet, die Corona-Hygienevorschriften einzuhalten. Sorgen bereiten im Moment die vielerorts geschlossenen Zulassungsämter.
(Bild: »bike und business«)

Mit der Erlaubnis, Autohäuser und Motorradbetriebe unter Auflagen bald wieder öffnen zu dürfen, sind Bund und Länder den Forderungen der Automobil- und Zweiradbranche gefolgt. Entsprechende Lockerungen der Schutzmaßnahmen wegen der Corona-Pandemie gaben Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher und Vizekanzler Olaf Scholz nach einer Videokonferenz der Bundesregierung mit den Ministerpräsident*innen der Länder am Mittwoch Abend bekannt.

Unter der Einhaltung strikter Hygienevorschriften und Abstandsregelungen wollen Bund und Länder es nun schrittweise ermöglichen, nach und nach zu einer Art Normalität zurückzukehren. Vom Vorhaben, Geschäfte mit einer Verkaufsfläche von bis zu 800 Quadratmeter wieder öffnen zu dürfen, sind Kfz-Betriebe ausgenommen, sie sollen unabhängig von der Größe wieder zugänglich sein. Das gilt für Autohäuser, Motorradbetriebe und Fahrradläden gleichermaßen.

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Wann genau Motorradhändler wieder öffnen dürfen, liegt allerdings in der Hand der jeweiligen Landesregierungen. Die meisten von ihnen öffnen ihre Geschäfte wie vereinbart am 20. April. In Bayern öffnen an diesem Termin nur die Bau- und Gartenmärkte, alle anderen Geschäfte, dafrunter auch der Auto- und Motorradhandel, müssen sich noch bis zum 27. April gedulden. Markus Söder begründete diese spätere Öffnung damit, dass Bayern aufgrund der im Bundesvergleich hohen Zahl an Corona-Infektionen vorsichtiger vorgehen müsse als andere Länder.

Mit der Öffnung der Autohäuser und Motorradbetriebe allein ist der Branche allerdings noch nicht nachhaltig geholfen. Bundesweit haben die Kommunen die Öffnung ihrer Zulassungsstellen unterschiedlich organisiert. Viele jener Institutionen sind geschlossen oder nur stundenweise geöffnet. Das sorgt seit Wochen für Empörung bei Händlern, die ihre bereits verkauften Fahrzeuge nicht zulassen konnten. Deutschlands Kfz-Händler echauffieren sich über dieses Verhalten. Sie fordern vom Staat, die seit Jahren angekündigte digitale Kfz-Zulassung endlich umzusetzen.

Der Internetdienstleister Kroschke veröffentlicht auf seiner Homepage eine Liste mit dem aktuellen Status Quo der Zulassungsstellen und aktualisiert diese zwei Mal täglich.

Für eine einheitliche Regelung und landesweite Öffnung der Zulassungsstellen hatte sich der Bundesinnungsverband Zweirad-Handwerk (BIV) im Bundeskanzleramt, dem Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesverkehrsministerium bereits Anfang April lautstark eingesetzt. Am 3. April ging in Berlin der Brief aus Hilden ein mit einem Hilferuf für „bundesweit rund 5.000 Motorradbetriebe, die sich wegen der Corona-Krise in einer existenzgefährdenden Situation“ befänden. Seit Inkrafttreten der Landesverordnungen zur Eindämmung der Corona-Epidemie war der stationäre Handel mit Motorrädern grundsätzlich untersagt. Die Auslieferung war jedoch nach wie vor ebenso zulässig wie die Abholung durch den Kunden – vorausgesetzt beides erfolgte kontaktfrei und unter Beachtung von Schutzmaßnahmen vor Infektionen. Teilweise verlagerten die Unternehmen ihren Schwerpunkt zeitweise auf den Online-Vertrieb. Vom ersten Kundengespräch über die Versendung der Vertragsunterlagen bis hin zur Aushändigung des Fahrzeugs an den Kunden, die ohne körperlichen Kontakt zum Käufer erfolgte. Damit dieser das Motorrad aber nutzen kann, muss es zugelassen sein. Insbesondere Online-Zulassungen über die Internetportale der Zulasssungsstellen sind bis dato nicht oder kaum möglich. „Ohne die örtlichen Zulassungsstellen ist der Verkauf von Motorrädern also faktisch ausgeschlossen“, signalisierte der BIV nach Berlin.

Wenn die Zulassungsstellen weiterhin blockieren hat das definitiv schwere witschaftliche Folgen. „Motorradhändler befinden sich bereits jetzt in einer wirtschaftlich bedrohlichen Situation, das der Fahrzeugbestand mit Krediten vorfinanziert ist und aufgrund der fehlenden Möglichkeit des Abverkaufs Liquiditätsengpässe entstehen.“

Der flammende Appell des BIV an die Bundesregierung: „Der Motorradhandel garantiert die Individualmobilität in der Bundesrepublik. Motorräder dienen nicht nur der Freizeitgestaltung, sondern sind neben Pkw eine von vielen genutzten Alternativen zum ÖPNV, der in dieser Zeit ja möglichst nicht genutzt werden soll. Um diese Möglichkeit aufrechtzuerhalten, bitten wir Sie darum, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, so dass die Zulassungsstellen zumindest für den gewerblichen Handel zu öffnen sind“.

Bundesinnungsmeister Franz-Josef Feldkämper sieht jetzt nach den erfolgten Verkaufslockerungen für die Motorradbetriebe die „Zulassungsbehörden als Nadelöhr“. Und tatsächlich gestaltet sich die Zulassungspraxis im föderalen Deutschland so divers wie die Unterschiedlichkeit der 16 Bundesländer. So gebe es zum Beispiel einen Fall in NRW, wo noch nicht einmal ein Feuerwehrauto zugelassen wurde. Eine »bike und business«-Recherche ergab: Während in Garmisch-Partenkirchen Autohäuser und Motorradhändler mit Terminvergabe per E-Mail bedient werden und Vorrang haben vor Privatpersonen weht in Sachsen ein scharfer Gegenwind für Zweiräder. Eine Yamaha- und Suzuki-Händlerin meldet uns von einem Fall der Zulassungsstelle aus dem Landkreis Bautzen. Dort heißt es behördlicherseits, dass für „Spaßmobile wie ATV/Quads oder Motorräder“ derzeit keine Zulassung erteilt werden könne. Wieder ein anderes Amt in Sachsen verlange ein Schreiben des Arbeitgebers, das bestätige, dass der Arbeitnehmer notwendigerweise mit dem Zweirad zur Arbeit fahren müsse. Dies allerdings gekoppelt an die zweite Bedingung: der Zweirad-Zulassungsaspirant dürfe als weiteres Fahrzeug kein Auto auf seinen Namen zugelassen haben.

Die Zweiradbranche klagt: Eine klare und einseitige Diskriminierung von motorisierten Zweirädern. Schließlich fährt man ja auch mit dem Fahrrad oder Pedelec „zum Spaß durch die Gegend“.

Jetzt gilt es für die Motorradbetriebe darauf zu achten, wie die jeweiligen Bundesländer die auf Bundesebene besprochenen Lockerungen umsetzen und welche Sonderbestimmungen gelten. Wichtig ist es, die bereits eingeführten Hygienevorschriften im Betrieb weiter zu überprüfen und auszubauen – Mundschutz, Abstandregelungen, Desinfektionsmittel, Spuckwände etc. –, um den Vorschriften des Verordnungsgebers penibel Folge zu leisten. Denn beim Thema Corona verstehen Politiker (und Virologen) keinen Spaß – das haben die vergangenen vier Wochen des Shutdowns gezeigt.

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