Speed-Date mit dem BMW C Evolution

Flirt mit Folgen

| Autor / Redakteur: Ralf Schütze / mid / Viktoria Hahn

Der rein elektrische BMW C evolution ist außergewöhnlich und mit knapp 14.000 Euro im Segment der leistungsstarken Groß-Roller noch nicht einmal so teuer, wie es zunächst klingt.
Der rein elektrische BMW C evolution ist außergewöhnlich und mit knapp 14.000 Euro im Segment der leistungsstarken Groß-Roller noch nicht einmal so teuer, wie es zunächst klingt. (Bild: Ralf Schütze / mid)

Überraschung pur herrscht meist beim Erstkontakt mit dem Elektro-Scooter. Seit 2014 nutzt die bayrische Marke ihr Know-how aus dem Elektro-Auto i3 auch im Großroller, der fast lautlos meist über städtische Straßen zischt.

Große Aha-Effekte sind vor allem dann fällig, wenn jemand als Beifahrer miterlebt, wie gewaltig der BMW C Evolution auf jeden noch so kleinen Dreh am Stromgriff reagiert. Der 275 Kilogramm schwere Elektro-Roller katapultiert Fahrer und Sozius unglaublich vehement voran. Vor allem dies trägt stark dazu bei, dass aus einem vermeintlich flüchtigen Flirt durchaus eine Dauerbeziehung werden kann. Wir prüften monatelang, ob der BMW C Evolution sogar zum Ganzjahres-Fahrzeug taugt.

Schubkraft ohne Ende

Hinter der unglaublichen Spurtstärke des Strom-Rollers steckt ein grundlegendes Phänomen der Elektro-Mobilität: 11 kW "Nennleistung" klingen recht harmlos. Aber: Der tatsächliche Maximalwert liegt bei 35 kW oder 47,5 PS. Aber noch mehr als die Pferdestärken sind für den vehementen Antritt satte 72 Newtonmeter Drehmoment verantwortlich. Wie bei allen Elektromotoren liegt diese ohnehin stolze Schubkraft komplett an, sobald das Aggregat aktiv wird. Das Drehmoment muss sich also nicht erst allmählich aufbauen, wie bei Verbrennungsmotoren üblich. Resultat beim BMW C Evolution: Auf den ersten rund 20 Metern nach Start lässt er so manches Supersport-Motorrad hinter sich. Der ungewöhnliche Wert für den Spurt von 0 auf 50 km/h: 2,8 Sekunden. Das ständig abrufbare Beschleunigungs-Potenzial verwöhnt den Piloten des Elektro-Scooters derart, dass ein plötzlicher Wechsel auf einen konventionellen Großroller mit rund 60 Benzin-PS erstmal Langeweile erzeugt.

Strotzt der Kälte

Die Lithium-Ionen-Akkus des C Evolution stammen ebenso wie Antriebseinheit und Steuerung aus dem BMW i3. Unser Langzeittest hat ergeben: Auch im Winter bei eisig kalten Temperaturen halten sie die Energie erstaunlich gut. Nach rund fünf Wochen in der Garage bei teils erheblichen Minusgraden beträgt die Reichweite unseres Test-Scooters nach wie vor exakt jene 79 Kilometer, mit denen wir ihn abgestellt hatten. Fährt man bei niedrigen Plusgraden, dann steigt der Stromverbrauch im Vergleich zu sommerlichen Graden zwar spürbar an, aber nicht etwa extrem. Unsere Reichweite im eiskalten Frühjahr 2018 sinkt von normalerweise 110 lediglich auf knapp unter 90 Kilometer im leistungsstarken Dynamic-Modus.

Die Fahrmodi

Aus vier Fahrmodi kann man beim Elektro-Scooter wählen: „Road“ bietet normale Performance und Reichweite. „Eco-Pro“ bietet weniger Kraft, dafür aber bis zu 20 Prozent höhere Reichweite. „Sail“ bringt entspanntes Dahingleiten ohne Rekuperation. Unser Favorit heißt eindeutig „Dynamic“: Volle Leistung und deutliche Rekuperation, dabei immer noch praxisgerechte Reichweite für die typischen Stadtfahrten mit einem Roller. Rekuperation heißt konkret: Beim Zurückdrehen des Stromgriffs entsteht genug Verzögerung, um bis in den Stillstand zu kommen. Lediglich für sehr starke oder gar Not-Bremsungen reicht dies nicht. Strom fließt in die Akkus zurück, weil der Motor dabei im Stile eines Fahrraddynamos als Generator fungiert und Bremsenergie in Strom umwandelt. Bei Elektrofahrzeugen ist dies sehr deutlich spürbar, und wer sich daran gewöhnt, kann aufs eigentliche Bremsen fast ganz verzichten.

Das Problem der Ladeinfrastruktur

Natürlich kann der Scooter auch ganz herkömmlich geladen werden. An Schnell-Ladestationen genügen etwa drei Stunden, bis völlig leere Akkus wieder voll sind. Das ist natürlich keine Zeitspanne, die man abwarten möchte. Aber gezieltes Schnell-Laden etwa während des Arbeitstages ist somit kein Problem. Sogar an üblichen Haushaltssteckdosen sollte man mit den Ladezeiten zurecht kommen. Konkretes Beispiel: Bei 48 Prozent Batterieladung und 61 Kilometer Restreichweite kommt der C Evolution ans heimische Stromnetz. Knapp zweieinhalb Stunden später sind 96 Prozent Kapazität erreicht und 111 Kilometer Reichweite. Trotzdem zeigt unser Langzeittest: Hersteller von Elektrofahrzeugen müssten gemeinsam mit der Politik die Infrastruktur deutlich verbessern. Nicht jeder kann über ein Verlängerungskabel aus seiner Hochparterre-Wohnung den E-Scooter aufladen. Wären mehr Steckdosen öffentlich erreichbar, könnte man platzsparende Roller problemlos aufladen, ohne jemanden zu behindern.

Teurer Spaß der sich lohnt

Wer vorausschauend mit seinem Strom-Vorrat umgeht, kommt sogar ganz gut ohne Schnell-Ladestationen aus. Nicht zuletzt deshalb hat unser Langzeittest zur Erkenntnis geführt: Nirgends hat Elektromobilität wohl so große Chancen sich bald durchzusetzen, wie bei flinken City-Scootern wie dem BMW C Evolution. Selbst der vermeintlich hohe Anschaffungspreis muss kein Hindernis sein. Zwar ist der C Evolution erst ab 13.950 Euro zu haben. Ein ähnlich leistungsstarker Großroller kostet im Falle des Yamaha Tmax SX Sport Edition auch schon 13.195 Euro, obwohl dessen Drehmoment von 53 Newtonmeter deutlich unter dem Wert des BMW liegt. Bei den laufenden Kosten schlägt „Sprit“ ebenfalls zugunsten des Elektrorollers zu Buche. Denn für rund 100 Kilometer Reichweite mit einer Akku-Ladung sind etwa zwei Euro fällig - deutlich weniger als fürs Füllen des Benzintanks beim Roller mit Verbrennungsmotor, denn beim Yamaha Tmax kosten 100 Kilometer Reichweite rund 7,50 Euro.

Inhalt des Artikels:

  • Seite 1: Speed-Date mit dem BMW C Evolution
  • Seite 2: Das Fazit

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