Suchen

St. Petersburg, Szenebars und Scooter ohne Ende

| Autor / Redakteur: Felix Böpple / Martina Eicher

Ralf Jodl von Sip Scooter erkundete die Vespaszene in St. Petersburg und war nicht selten erstaunt über das, was er vorfand

Firma zum Thema

Erkundete die St. Petersburger Vespaszene: Ralf Jodl
Erkundete die St. Petersburger Vespaszene: Ralf Jodl
( Sip Scootershop/ Ralf Jodl )

Der Sip-Scootershop-Chef ist ein umtriebiger Mensch. Um an den Themen der Szene dranzubleiben, taucht er zumeist in selbige ab. So wie jüngst wieder. Ein Trip in die angesagte russische Metropole St. Petersburg sollte Ralf Jodl wieder auf den neuesten Stand bringen. Was er dort vorfand, war eine virile Roller- und insbesondere Vespa-Szene. Seine Eindrücke in der 4,8 Millionen Einwohner Metropole schildert er uns in der folgenden Reportage:

„Beim Stichwort „St. Petersburg“ fallen einem spontan Dostojevski, Winterpalast und der Mordfall Rasputin ein. Vielleicht noch Zarensitz, nördlichste Millionenstadt der Welt oder der Stadtname aus dem Kommunismus, Leningrad. Mit Rollern oder Vespas bringt man die ehemalige russische Hauptstadt aber erstmal eher nicht zusammen. Und doch, auch in Russland, der jahrzehntelangen Diaspora der italienischen Kultroller, gibt es mittlerweile zwei Vespaclubs.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 25 Bildern

Einer in Moskau, der andere in St. Petersburg. Im Juni gibt es in der Ostsee-Hafenstadt die sogenannten weißen Nächte: die Sonne geht erst weit nach 10 Uhr abends unter und schon wieder um zwei Uhr morgens auf. Dazwischen wird es nicht dunkel, die Straßen sind voller Menschen, die ganze Stadt feiert den kurzen Sommer. Unser langjähriger Kunde und Präsident des Vespaclubs von St. Petersburg sowie zugleich Präsident des Vespaclubs Russland, Alexej Bulkin, sagte auf meine Anfrage, ob er uns ein wenig die Stadt zeigen könnte sofort zu. Und so flogen wir zu dritt in die Stadt an der Newa.

Bereits am Flughafen wurden wir von Alexej und Stas (Stanislav) mit einem Wrangler Jeep (!) abgeholt und konnten uns auf dem Weg in die Stadt die ersten Eindrücke des pulsierenden Lebens holen. Nostalgiker auf der Suche nach Leninstatuen und Hammer und Sichel Symbolen müssen genau schauen, hier wurde die letzten 20 Jahre gründlich entrümpelt. Einige der monumentalen Gebäude und Denkmäler sind aber noch sichtbar und beeindrucken auch heute noch mit ihrer Wucht. Unsere beiden Stadtführer zogen mit uns direkt los und nach einem Spaziergang entlang der zentralen Stadtachse, des Newski Prospekts, landeten wir in einer Szenebar namens Radiobaby, die sich hinter mehreren Hinterhöfen versteckt und die man als Tourist in hundert Jahren nicht finden würde.

In der Bar legt Denis auf, selbst Vespafan und DJ, und seine Musik wird live über den Kanal Radiobaby gesendet. Spontan interviewte mich Denis, der übrigens der Drummer der Ska Band The Toasters ist, über Rollerfahren in Europa und einiges rund um das Thema Vespa. Dabei lernte ich, dass es in St. Petersburg etwa 100 Vespas gibt und einige hundert Roller.

Es ist schwer, gebrauchte Roller nach Russland einzuführen, hohe Zölle schrecken zudem ab. Am einfachsten geht die Einfuhr über Japan, das allerdings bekanntlich nicht gerade um die Ecke liegt. Neue Vespas sind zirka 25 Prozent teurer als bei uns und der finnische Importeur, der für Russland nebenbei zuständig ist, hat sich gegen den Verkauf der neuen Vespa PX entschieden.

Keine einfachen Bedingungen also und man kann wohl davon ausgehen, dass es sich bei Sergej und seiner Truppe um Überzeugungstäter handelt und nicht um Mitläufer eines Modetrends. Am nächsten Tag bekamen wir Vespas geliehen, um mit einigen Mitgliedern vom Club eine Ausfahrt durch die Stadt und an die Ostsee zu machen. Ich durfte Stas´ ET3 fahren, die mit einem PX200 Motor und haufenweise Sip Teilen und Tuning ausgestattet ist. Zudem ist der Roller aufwendig mit einfallsreichem Airbrush versehen und würde auf jedem europäischen Rollertreffen für Furore sorgen.

Wenn man den Stadtkern von St. Petersburg verlässt durchfährt man endlose Gebiete mit Wohnblöcken, es ist unglaublich wieviele Menschen in den Aussenbezirken der Stadt wohnen. Etwa 40 Kilometer außerhalb der Stadt erreicht man den Strand mit einem wunderbaren Rundblick in den finnischen Meerbusen. Wir stoppten an einer szenigen Strandbar, die ideal zum Rumhängen einlud, und genossen das einzigartige Sonnenlicht der tief im Norden untergehenden Sonne - um kurz vor elf Uhr nachts…

Bei der weiteren Tour lernten wir auch die Bar von Stas kennen, die „Kult Bar“. Die ganze Kneipe ist auf Vespa ausgerichtet, Glastische die auf zwei Vespareifen aufliegen, ein Vespagriff über dem Tisch wird gezogen wenn die Bedienung kommen soll: es ertönt eine Vespahupe an der Wand! Überall liebevolle Deko, Poster, Schilder - sicher die coolste Vespa Bar die ich gesehen habe.

Am nächsten Tag fuhren wir nochmals mit den Rollern durch die Stadt um einige der wichtigsten Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Für mich befand sich darunter ein alter Schuppen in einem Vorort, Parkplatz einer vollständigen Vjatka von 1961. Auf Geheiß von Chrustschow wurde die Vespa GS 150 nachgebaut, als Vjatka VP 150. Anton wartete bereits als wir angeknattert kamen und zeigte mir das kuriose Gerät. Dicke Schubkarrenreifen, alles etwas größer, Blech wie bei einem Panzer. Laut Anton ist der Motor aber weitgehend mit dem italienischen GS Motor identisch, so dass offenbar die meisten Ersatzteile passen sollen. Diese Vjatka stand bis vor ein paar Monaten in Vladikavkaz im trocken-heißen Tschetschenien: null Rost! Alexej will mir helfen, die Kiste nach Landsberg zu bringen. Wenn das klappt, kann sie künftig in der Ausstellung im Sip Shop bewundert werden.

Wir haben noch viele weitere Persönlichkeiten der St. Petersburger Vespa-Szene kennenlernen können. Zum Beispiel Olga Boyarinova, Haute-Couture-Modedesignerin und Vespa Pilotin, mit der wir viel Spaß hatten. Und natürlich auch Alexejs Laden, mit Zubehör und Tuning für Vespas und Scooter. Eine traumhafte Stadt aber vor allem die Gastfreundlichkeit und Aufmerksamkeit der St. Petersburger werden uns noch lange beeindrucken.“

Fazit der »bike und business«-Redaktion: Auch in Gegenden, in denen man es nicht vermuten würde, steckt viel Potenzial, auch für Scooter. Außerdem zeigt es mal wieder eindrücklich, dass sich Branchenplayer, die sich authentisch um Marktinformationen bemühen, einfach das bessere Business machen. Ralf Jodl, unterwegs in St. Petersburg, ist an dieser Stelle ein echter Trendscout für die Rollerbranche – und natürlich auch für sein Unternehmen.

(ID:381292)