Mit der Himalayan in den Himalaya des kleinen Mannes

»bike und business« testete die indische Enduro in den Schweizer Alpen

| Autor / Redakteur: Tobias Rosenow / Jan Rosenow

Der Berg ruft! Die Royal Enfield Himalayan ist im Gebirge zu Hause.
Der Berg ruft! Die Royal Enfield Himalayan ist im Gebirge zu Hause. (Bild: Jan Rosenow)

Zusammen mit einer Royal Enfield Bullet bollerte die neue Enduro des indischen Herstellers durch die Schweizer Alpen. Dabei zeigte sich: Auch kleine Maschinen bringen großen Fahrspaß, wenn man sich darauf einlässt.

Hübsch sieht sie aus, die Royal Enfield Himalayan. Obwohl „hübsch“ vielleicht nicht das richtige Wort ist. Sie gibt sich alle Mühe, mit ihren robusten Gepäckträgern aus Stahlrohr, den grobstolligen Reifen und dem matten schwarzen Lack archaisch zu wirken. Doch so ganz gelingt ihr das nicht. Der Rundscheinwerfer, die schönen Speichenräder und der klassische luftgekühlte Einzylinder wecken Sympathien und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Mir gefällt sie. Also aufgesessen und ausprobiert. 1.300 Kilometer stehen uns in den nächsten drei Tagen bevor und ich bin voller Vorfreude, die Schweizer Alpen kennenzulernen.

Beim kurzen Druck auf den Starterknopf wundere ich mich zuerst, warum sie nicht von allein anspringen will. Klar, eine Servofunktion wie bei meiner Ducati Multistrada kennt ihr Anlasser nicht. Außerdem braucht sie ein bisschen Hilfe vom Choke. Also nochmal. Chokehebel an der linken Lenkerarmatur ziehen und starten. Nach ein paar Sekunden läuft der Motor rund und die Fahrt kann losgehen.

Auf den ersten Metern in der Stadt fällt auf, dass nichts auffällt. Kupplung und Getriebe lassen sich mit geringem Kraftaufwand bedienen, und die schmalen Reifen sorgen für ein einfaches Handling der gar nicht so leichten Maschine. Die Bremse überfordert nicht mit zu forschem Biss. Nur der Motor scheint noch nicht so richtig wach zu sein. Die erste Kurve gehe ich etwas zu langsam an und möchte die verkorkste Linie durch einen Dreh am Gasgriff korrigieren, aber außer einem etwas lauteren Ansauggeräusch passiert nichts.

Sportlicher Ehrgeiz ist fehl am Platz

Na gut, raus aus Stadt und den mittlerweile warmen Motor auf Drehzahl bringen. Doch Drehzahl ändert gar nichts! Das Beschleunigungsvermögen und die Spontaneität des Motors beim Gasbefehl erinnern mich stark an meine 14 Jahre alte Honda Jazz. Auch beginnt der Motor über 5.000 Umdrehungen deutlich zu vibrieren, was etwa 100 km/h im fünften Gang entspricht. Außerdem wird langsam klar, dass der zahme Biss der vorderen Bremse mit genauso zahmer Wirkung einhergeht. Ich bezweifle, dass es die Einzelscheibe im Vorderrad jemals schaffen könnte, das ABS zum Arbeiten zu zwingen. Zum Verzögern ist also die Hilfe der Hinterradbremse Pflicht. Das kann ja heiter werden!

Aber Moment, den sportlichen Ehrgeiz wollten wir ja bewusst zu Hause lassen. Es geht Richtung Schweiz, und Geschwindigkeitsüberschreitungen sind bei unseren Nachbarn Kapitalverbrechen. Wie von selbst passiert nach ein paar Kilometern etwas Erstaunliches: Der ständige Drang, nicht zu langsam unterwegs zu sein, in jeder Kurve die maximale Schräglage zu erreichen, verschwindet. Ich nehme das Gas etwas zurück, lasse den Motor da laufen, wo er sich wohlfühlt, und lausche seinem Brummen. Auf den breiten deutschen Bundesstraßen orientiert man sich automatisch Richtung Randstreifen und lässt die eiligen Vertreterkombis und gehetzten Kurierfahrer ihrer Wege ziehen. Man muss schon aufpassen, dass nicht ab und zu ein Lkw zu drängeln anfängt.

Genussvolles Cruisen im Allgäu

Also verlassen wir die Bundesstraße und schlagen uns auf kleinen Straßen durch das westliche Allgäu. Ich merke, wie sich mein Fahrstil ändert. Unbewusst fahre ich runder und versuche, den Schwung zu halten. Es macht riesigen Spaß, dem Einzylinder auf seinem Weg durchs Drehzahlband zu lauschen. Ich ertappe mich dabei, wie mein Blick immer weiter in die schöne Landschaft abschweift.

Angekommen am Bodensee lassen wir den Tag bei Schnitzel und Zwiebelrostbraten ausklingen. Ich wundere mich, dass ich noch ziemlich fit bin, obwohl die Tour fast 400 Kilometer lang war. Gut so, denn die kommende Nacht im Mehrbettzimmer der Jugendherberge wird nicht sehr viel Entspannung bringen.

Am nächsten Morgen klappt das Startprozedere mit der kleinen Inderin schon wie von selbst. Den Berufsverkehr am dicht besiedelten Bodenseeufer lassen wir links liegen und schippern mit der Fähre einmal quer drüber. Die Einzylinder werden heute schließlich noch genug arbeiten müssen.

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