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Umstrittene Bankenratings: Wie kreditwürdig sind Motorradhändler?

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 05/2017/II), Folge 476: Das Verhältnis zwischen Motorradhändlern und Banken war noch nie auf Rosen gebettet – wie angespannt und strapaziert es ist, zeigt...

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
(Bild: Vogel Business Media)

...ein Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit. Ein großer und äußerst respektabler Motorradhändler schickte mir jüngst folgende Mail: „Vor Weihnachten hat mir eine renommierte Bank ihre aktuelle Branchenstudie zur Verfügung gestellt. Für mich war die Prognose der Bank für die Motorradbranche erschreckend und nicht erklärbar. Ich dachte mir, es ist für Dich vielleicht interessant und auch eine journalistische Herausforderung hier zu recherchieren, wie die Bank (die zu den größten Banken in Deutschland zählt und sicherlich auch Kreditgeber von vielen Händlern ist) zu solchen Prognosen kommt. Offensichtlich sehen sie die Überalterung der Motorradfahrer sehr schnell und mit großer Wucht auf die Branche zukommen; zumindest viel schneller, als ich es einschätze.“

Inzwischen hatte ich Gelegenheit, mir die Studie anzuschauen und ausführlich zu analysieren. Und, was soll ich sagen? Recht hat der Händler! Die ökonomische Betrachtung des „Senior Economist“ des Frankfurter Instituts ist im Grunde von vorne bis hinten von großem Pessimismus geprägt. Fast in jeder Zeile springt einem die „German Angst“ entgegen. Die langfristige Perspektiven für den Handel mit Krafträdern seien schwach, heißt es in dem Bankenpapier. Es gelinge den Unternehmen nicht, in einem ausreichenden Maße neue Käuferschichten zu erschließen. Damit bleibe aber auch das Potenzial für die Instandhaltung und Reparatur eingeengt. Ratingklasse „D“, was im Bankendeutsch übersetzt „höchstes Zahlungsausfallrisiko“ bedeutet. Peng, das hat gesessen: Lieber Motorradhändler, Du bist so kreditwürdig wie eine Imbissbude!

Solide Branchenanalyse oder Kaffeesatzleserei?

Als Kenner der Szene, der weiß, wie schwierig es ist, in der äußerst intransparenten Motorradhändlerlandschaft an seriöse und valide Daten zu kommen, kritisiere ich solche Branchenanalysen der Banken. In meinen Augen sind sie zu oberflächlich und oftmals geprägt von Klischees, die sich hartnäckig in den Köpfen der Banker halten. Zudem erweisen sich die Quellenverzeichnisse in diesen Studien oftmals als arg dünn. Die Bank beispielsweise verweist in der besagten Studie auf die Unternehmen Ducati Motor Deutschland (Köln), Harley-Davidson GmbH (Neu-Isenburg), Interpneu Handelsgesellschaft (Karlsruhe), Piaggio Deutschland (Kerpen) und Suzuki International Europe (Bensheim), schränkt die Aussagekraft dieser Liste aber gleich mit dem Sternchenhinweis wieder ein: „Diese Auswahl dient der Information und ist unabhängig von der Branchenanalyse.“ Wie bitte? Woher stammen also die Zahlen? Von der Schätzung, Mutmaßung über die Prognose bis hin zur Kaffeesatzleserei scheint der Weg nicht mehr weit zu sein.

Weiteres Contra-Argument: Die aufgeführte Zahl von 5.516 umsatzsteuerpflichtigen Unternehmen im Handel mit Krafträdern, Instandhaltung und Reparatur (wahrscheinlich entnommen den Jahrbüchern des Statistischen Bundesamtes) deckt sich keinesfalls mit der Vertriebsdatei des Fachmagazins von »bike und business«, die wir vor einiger Zeit mit den Daten der Zeitschrift „Motorrad“ abgeglichen haben. Wir erheben damit den Anspruch auf Vollständigkeit und proklamieren die bodenständige Abbildung der Branchenwirklichkeit für uns.

Wir gehen nämlich von rund 2.000 Vertragshändlern und ca. 1.800 freien Werkstätten aus, die derzeit operativ auf dem Markt sind; also deutlich weniger als die kolportierten fünfeinhalbtausend Unternehmen der Bank-Studie inklusive der Karteileichen. Auf den Prüfstand sollten aber eher alle lebendigen Betriebe. Diejenigen, die den Kopf eben nicht in den Sand stecken und die Mutmacher der Szene, die mit neuen Ideen und mit großer Lust am Verkaufen die Herausforderungen der Zukunft meistern wollen.

Gestärkt aus der Krise

Meiner Erfahrung nach sind die Firmen entscheidend, welche sich nach der Krise des Motorradmarktes von 2000 bis 2010 deutlich modernisiert und zeitgemäß aufgestellt haben. Um sie geht es. Jene die deutlich besser wirtschaften und mehr Performance an den Tag legen als der „Rest vom Schützenfest“. Stimmt, der Aderlass auf dem Motorradmarkt war schon gewaltig, die Zahl der neu zugelassenen Motorräder hatte sich innerhalb eines Jahrzehnts mehr als halbiert. Die wirtschaftliche Durststrecke brachte zudem eine beispiellose Konzentrationswelle hervor, welche die Zahl der Betriebe insgesamt zurückgehen ließ. Doch seit 2010 wächst der Markt wieder. Jahr für Jahr. 2016 zum sechsten Mal in Folge. Weniger Unternehmen teilen sich nun den wieder wachsenden Marktkuchen.

Ich will an dieser Stelle nicht weiter auf einzelnen Zahlenkolonnen herumreiten und über die Inhalte der Researchabteilung der Kreditinstitute nörgeln. Nüchtern betrachtet liegt die betriebswirtschaftliche Wahrheit wohl irgendwo zwischen der niederschmetternden Potenzialanalyse der Banken mit ihren düsteren Wachstumsvorhersagen und den bodenständig realistischen Ertrags- und Geschäftsperspektiven, die gestandene Branchenplayer aus unserem soliden mittelständischen Handwerk mit ihrem gesundem Menschenverstand in Zukunft für ihr Business erwarten.

Erinnern möchte ich an dieser Stelle daran, dass es doch zu den traditionellen Hauptaufgaben von Banken gehört, die mittelständische Wirtschaft und ihre vielen Arbeitgeber mit Kapital zu versorgen, um den reibungslosen Ablauf der zunehmend komplexeren Geschäftsabläufe zu gewährleisten. Zu fairen Konditionen und selbstverständlich mit der entsprechenden Risikoabschätzung. Das Glas sollte dabei immer halb voll statt halb leer sein, ohne in blinden Optimismus zu verfallen.

Fest steht: Um die Motorradbranche steht es wahrlich nicht so schlecht, wie uns das negative Bankenrating weismachen will. Im Gegenteil: Seit ein paar Jahren darf die Zweiradszene wieder neue Hoffnung für eine einträgliche und nachhaltige Zukunft schöpfen.

Der Easy Rider-Faktor

Die Zahl der Wiedereinsteiger wächst. Ebenso beweist der aktuelle Boom in der 125er-Klasse, dass wieder mehr junge Menschen Bock auf Bike haben. Der Altersdurchschnitt der Motorradfahrer in Deutschland wird langfristig gesehen dadurch wieder nach unten gedrückt. Freuen wir uns doch derweil darüber, dass die geburtenstarken und kaufkräftigen Jahrgänge aus den 1960er-Jahren noch mindestens für anderthalb Dekaden für Umsatz und Ertrag sorgen. Erfreulich ist außerdem das Potenzial der gut sechs Millionen A-Führerscheinbesitzer, die derzeit kein eigenes Motorrad besitzen: Wir hoffen, dass sie in Bälde derart von der Midlife-Crisis erfasst werden, dass sie zwangsläufig den Weg in den Motorradhandel finden. Den Film Easy Rider kennen sie alle.

Mut macht den Zweiradprofis auch die wachsende Zahl von Frauen, die in den Sattel eines Motorrads steigen. Zudem schwappt eine ziemlich lukrative Retrowelle durch den Branchenozean: Für Customizing und Umbauten, neue Klamotten und Helme wird richtig viel Geld ausgegeben.

Alles in allem steht die Branchenampel für mich auf grün und der Bike-Indikator steht für mich besser da als die von der Bank vergebenen 45 (Schrott-)Punkte (= Rating „D“). Und noch einen Trost gibt es, lieber Motorradhändler! Für die Gesamtwirtschaft vergibt das Institut auch nur 50 Punkte. Ratingkategorie „C“. Wie kreditwürdig sind eigentlich Banken? Googeln Sie doch selbst einmal, was Ratingagenturen wie Standard & Poors hier für Bestnoten vergeben. Leider dürfen Dealer nicht mit voten.

Was ist Ihre Meinung?

Welche Erfahrungen machen Sie derzeit mit Ihren Finanzierungspartnern und Hausbanken? Im Jahresgespräch, in der operativen Zusammenarbeit oder der Liquiditätsversorgung bei anstehenden und notwendigen Investitionen? Schreiben Sie mir Ihre sachlich-fundierte Meinung. Zu einem allgemeinen Banken-Bashing möchte ich an dieser Stelle nicht aufrufen. Unsere Leserbrief-Rubrik Zündfunken freut sich auf ein neues, spannendes und kontroverses Thema.

(ID:44503811)

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