Vom Kap in die Mongolei: Schwere GS in zarter Hand

Toughe Offroadladies am Start

| Autor / Redakteur: Ulf Böhringer/SP-X / Stephan Maderner

Es ist das zweite Mal, dass BMW Motorrad kommendes Jahr ein international zusammengesetztes Damenteam zur GS Trophy schicken will.
Es ist das zweite Mal, dass BMW Motorrad kommendes Jahr ein international zusammengesetztes Damenteam zur GS Trophy schicken will. (Bild: fbn/SP-X)

23 Frauen treten in Südafrika zur Qualifikation für das zweite Damenteam bei der BMW GS Trophy an und überzeugen auf ganzer Linie.

Die größte Teilnehmerin ist gut 1,80 Meter groß, die kleinste misst kaum über 1,50 Meter; bei so unterschiedlichen Staturen differieren auch die Kräfte. Das Objekt, mit dem sich die 23 Frauen aus 13 Ländern drei Tage lang abgeben, ist freilich für alle gleich und mit rund 250 Kilogramm auch gleich schwer: Die Damen müssen in zahlreichen Prüfungen unter Beweis stellen, dass sie eine BMW R 1200 GS bestens beherrschen – so gut, dass sie es in das internationale Damenteam schaffen, das im Juni 2018 bei der nächsten Internationalen BMW GS Trophy an den Start gehen wird. Sie wird in der Mongolei stattfinden; dafür qualifiziert haben sich bereits 16 Teams, allesamt Männer. Acht Tage wird die Reise über Stock und Stein in dem fast menschenleeren ostasiatischen Land dauern, mehr als 2.000 Kilometer beträgt die Fahrtstrecke. Ganz sicher ein einmaliges Erlebnis, aber ebenso sicher auch eine Herausforderung, streckenweise sogar eine Strapaze.

Es ist das zweite Mal, dass BMW Motorrad kommendes Jahr ein international zusammengesetztes Damenteam zur GS Trophy schicken will; erstmals war dies 2016 der Fall, als die Amateur-Offroadfahrer sich durch den thailändischen Dschungel kämpften. Die drei Frauen, denen 18 Männer-Teams gegenüberstanden, hatten sich vor gut zwei Jahren – ebenfalls in Südafrika – qualifizieren müssen. Doch damals war der Kreis der Aspirantinnen mit zehn Frauen noch weitaus kleiner. Nicht zuletzt das Beispiel von Stéphanie Bouisson aus Frankreich, Amy Harburg aus Australien und Morag Campbell aus Südafrika – diese drei bildeten das erste internationale Damenteam – motivierte ganz offensichtlich viele Frauen, an den nationalen Vorentscheidungen teilzunehmen. Die beiden dabei jeweils Erstplatzierten haben jetzt die Chance, auf dem Übungsgelände von „Country Trax“ nahe Amersfoort in Südafrika zur Qualifikation anzutreten.

Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt

Es ist ein exotisch anmutendes Grüppchen, das sich in einem Hotel in Johannesburg trifft und am Montag mit einem Bus vier Stunden nach Amersfoort fährt: Zwei Frauen sind aus Australien gekommen, je zwei aus China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Japan, Kanada, Mexiko, Südafrika und den USA, mit jeweils einer Teilnehmerin sind Kolumbien, Malaysia und Thailand vertreten. Die meisten sind zwischen 30 und 45 Jahre alt, die jüngste – eine überaus zierliche Japanerin – gerade 22, die älteste 54.

Kräftemessen im Enduro-Paradies

Sie alle haben es schwer im südafrikanischen Binnenhochland östlich von Johannesburg, wo das Enduro-Paradies „Country Trax“ liegt: Heftige, stundenlange Niederschläge und tägliche Gewitterstürme erschweren das Fahren, beeinträchtigen das geplante Programm wie auch die nächtliche Regeneration im Zelt. Der viele Niederschlag führt zu schlammigen Böden, auf denen die Stollenreifen der Motorräder immer wieder die Haftung verlieren. X-mal müssen die Frauen ihre am Boden liegende Maschine wieder in die Senkrechte wuchten – oder „Help!“ rufen; dann eilen kräftige Männer und Frauen heran und sie selbst sparen wertvolle Kräfte, bekommen dafür aber in den Prüfungen Zeitstrafen aufgebrummt.

Der „böse Wolf“ und die Ladies

Tomm Wolf ist seit den Anfängen der BMW Motorrad GS Trophy im Jahr 2007 sportlicher Leiter des Projekts. Zusammen mit den Country Traxlern Stephan und Marchant sowie deren vielen Helfern ist „der böse Wolf“ (Eigentitulierung) verantwortlich dafür, dass es gerecht zugeht bei der Qualifikation der 23 Frauen. Sie müssen nicht nur im Gelände die schwere R 1200 GS fahren können, sondern auch Einfallsreichtum, Teamfähigkeit und Belastbarkeit unter Beweis stellen. Dazu sind rund zwei Dutzend Aufgaben zu absolvieren, in denen sie ihre Geschicklichkeit zeigen können: anspruchsvolle Fahrmanöver am Lenkanschlag auf unebenem Boden gehören genauso dazu wie der Aus- und Wiedereinbau des Hinterrades auf Zeit. Fahrten im tiefen Sand, durch wassergefüllte Gräben, über eine leiterartige Wippe und auf schmalen, felsdurchsetzten, dazu oft noch schlammigen Feldwegen sind Bestandteil des Programms.

17 Stunden Zweiradaktivität

Schon am Ende des ersten Qualifikationstages verdammt Tomm Wolf neun Aspirantinnen zur Zuschauerrolle: Nur 14 Damen dürfen weiterkämpfen. In Führung liegen mit der Südafrikanerin Ezelda, der Australierin Julia und der Französin Sonia ausgerechnet „Mädels“ aus jenen drei Ländern, aus denen sich das erste weibliche Trophy-Team zusammengesetzt hatte. „Verrückt, aber so sind halt die Leistungen“, meint Tomm. 17 lange Stunden Aktivität sind am ersten Tag gefordert, erst gegen Mitternacht geht’s zur Nachtruhe in die Zelte. Störungsfreier Schlaf ist wegen eines heftigen Gewittersturms unmöglich.

Am Ende des zweiten, kaum weniger langen Tages sind es nur noch Neun, die um die Team-Plätze kämpfen. Vorne liegen jene Drei, die schon am ersten Tag führten. Überaus eindrucksvoll ist, dass ausnahmslos alle Frauen frei von jeglichem Neid und von Missgunst sind: Alle feuern jede Teilnehmerin an, ihr Bestes zu geben und unterstützen auch diejenige, die ihr den Teamplatz streitig macht. „So viel Empathie bringen Männer in derselben Situation bei weitem nicht auf“, sagt Tomm Wolf beeindruckt.

Zwei Damenteams zugelassen

Drei Frauen, ein Team. Das dachten alle 23, doch es kam am Ende anders: Weil die Leistungen der zur Qualifikation in Südafrika angetretenen Frauen so gut waren, entschloss sich der bayerische Motorradhersteller spontan, ein zweites Damenteams zum Start zuzulassen – nach anfänglicher leiser Enttäuschung ob ihrer Nicht-Berücksichtigung sind die Viert- bis Sechsplatzierte ganz aus dem Häuschen, als BMW-Marketingchef Ralf Rodepeter das überraschende Ergebnis verkündet. Auch Bettina und Jocelin, die beiden Amerikanerinnen, und Linda, die zweite Südafrikanerin, werden also in der Mongolei dabei sein. Alle drei sind zwischen Mitte und Ende 40 und stellen eindrucksvoll unter Beweis, zu welchen Leistungen Frauen in diesem Alter fähig sind.

Eine große Familie

Die sechs Siegerinnen haben sich ein ausgiebiges Trainingsprogramm vorgenommen; zu Teams zusammenzuwachsen wird aufgrund der großen Distanzen zwischen den Herkunftsländern freilich schwierig. Diesbezüglich sind die national aufgestellten Männer-Teams klar im Vorteil. Den wollen die Sechs durch ihre energische und findige Art der Problemlösung so weit wie möglich egalisieren. Alle 23 fühlen sich auf der Bus-Rückfahrt vom Country Trax-Gelände nach Johannesburg als Gewinnerinnen: „Ich bin alleine hierher gereist und kehre mit einer neugewonnenen, großen Familie zurück nach Malaysia“, sagt Khai. Das Gefühl, in nur wenigen Tagen Freundschaften fürs Leben geknüpft zu haben, verspüren alle 23.

Aus einstigen Kandidatinnen wurden Instruktorinnen

Es steht zu erwarten, dass sich für nicht wenige, die es zur Damen-Qualifikation geschafft haben, das Leben ändern wird. So sind die fünf Erstplatzierten der 2016er Qualifikation heute sämtlich zertifizierte BMW-Instruktorinnen. Als „Botschafterinnen“ des bayerischen Motorradherstellers sind sie zudem weltweit unterwegs. „Mein Leben ist heute ganz anders als vor drei Jahren“, sagt beispielsweise Inga aus Island. Jocelin aus Kalifornien formuliert ihr Ziel klipp und klar: „Mehr Frauen den Spaß am Fahren im Gelände vermitteln.“ Dass sie das schaffen wird, steht außer Zweifel: Energischer und zugleich fröhlicher als die zierliche US-Lady hat sich im südafrikanischen Outback keine Teilnehmerin gezeigt.

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