Von doppelten Glühfäden und leuchtenden Bedrohungen

Umgang der Werkstätten mit „Licht“

| Autor / Redakteur: Katrin Witte / Stephan Maderner

Der Titel des Workshops von Hermann Schenk (GTÜ) auf der Fachtagung »bike und business« lautete „Die neue HU-Scheinwerferrichtlinie und ihre Folgen für die Motorradwerkstatt.“
Der Titel des Workshops von Hermann Schenk (GTÜ) auf der Fachtagung »bike und business« lautete „Die neue HU-Scheinwerferrichtlinie und ihre Folgen für die Motorradwerkstatt.“ (Bild: Vogel Business Media/Johannes Untch)

Leistungsstarke Scheinwerfer werden schnell zur Gefahr für den Gegenverkehr. Nicht selten sind die hellen Lichter falsch eingestellt und blenden andere Verkehrsteilnehmer. Hermann Schenk (GTÜ) kennt die Hintergründe der neuen HU-Scheinwerferrichtlinie 2018.

Tausend kleine Nadelstiche direkt in seine dunkelbraunen Augen. Die Lider schnellen erneut zusammen. Fester, verkrampfter, ruckartiger als zuvor. Dennoch brennt das beißend helle Licht. Daran können auch die Lider mit den dichten Wimpern nichts ändern. Er vernimmt ein dumpfes „duut, duuuut“. Artur weiß, er muss nun endlich den Reflex überwinden und die Augen öffnen.

Er reißt sie auf. „Duut, duuut“ – das entgegenkommende Motorrad hupt erneut. Blitzartig zieht er den breiten Lenker seiner BMW GS nach rechts. Weg von dem entgegenkommenden Fahrzeug. Er orientiert sich an der weißen Linie. Sie begrenzt die Fahrbahn und spendet ihm ein wenig Sicherheit. Ein Blick direkt Richtung Gegenverkehr erlaubt das helle Licht nicht. „Gerade noch einmal gut gegangen“: Die leuchtende Bedrohung fliegt mit dem feuerroten Motorrad an ihm vorbei und verschwindet in der Dunkelheit. Das blendende Licht des zu hoch eingestellten Scheinwerfers hatte ihm für einen kleinen Augenblick die Sicht vollständig genommen.

Veraltete Beleuchtungsvorschriften

So wie Artur ergeht es gerade in der dunklen Jahreszeit vielen Motorradfahrern. Der helle Schein von LEDs und starken Xenonlampen liegt im Trend: Er wirkt futuristisch, elegant und schafft mehr Sicherheit. Zumindest für den Fahrer. Denn wer gesehen wird, wird nicht übersehen. Für entgegenkommende Fahrzeuge werden die leistungsstarken Scheinwerfer jedoch schnell zur Gefahr.

Doch die war noch nicht immer so groß: „Die ersten Vorschriften, die die Beleuchtung an Fahrzeugen regeln, stammen aus den 60er Jahren. Damals wurden meist Biluxlampen verbaut: zwei Glühfäden in einer Birne. Viel simpler als heute und weitaus weniger hell“, erklärt Hermann Schenk von der GTÜ auf der Fachtagung »bike und business«. Die Vorschrift von damals regelte lediglich, wie hell ein Scheinwerfer mindestens leuchten muss. Eine Begrenzung nach oben gibt es bis heute nicht. „Umso wichtiger ist es, dass Scheinwerfer richtig eingestellt sind“, beton Schenk. Dennoch werden laut ADAC Licht und Elektrik bei der Hauptuntersuchung am meisten bemängelt. Wie viele Motorradfahrer sich dadurch verletzen ist unbekannt. Doch der Zentralverband Deutsches Kfz-Gewerbe und die Verkehrswacht fanden heraus, dass jeder zehnte Pkw andere Verkehrsteilnehmer blendet. Ein richtig montierter Scheinwerfer scheint nicht selbstverständlich – auch nicht bei Bikern. Ein großes Risiko: Viele Motorradlichter sind Marke „Eigenmontur“.

Ebener Untergrund, kalibrierte Messgeräte

Und so schiebt auch Artur sein Motorrad Richtung Garagenwand. Etwa fünf Meter vor dem Ende seiner Hobbywerkstatt stoppt er. Genau auf der Höhe des kleinen blauen Werkzeugkoffers. Hier muss die Maschine stehen. Er verlagert sein Gewicht auf den Ständer und bockt seine granit-farbene GS auf. Über 200 Kilo wiegt der Koloss. Doch schließlich macht es „klack“. Das Motorrad steht – wenn auch nicht ganz gerade. Einige der grobporigen Pflastersteine sind ein wenig abgesunken. Mit Meterstab bewaffnet beginnt er zu messen. „95 cm – dann muss der Lichtkegel bei 90 enden“. Mit Zollstock in der einen und schwarzem Schraubenzieher in der anderen Hand wechselt er immer wieder zwischen unverputzter Betonwand und frisch poliertem Bike. Schraube nach links, Lampe nach unten, Schraube nach rechts, Meterstab an die Wand. Hin und her. Bis die Einstellung passt.

Herausforderung für die Werkstätten

„Viele Hobbybastler wechseln die Leuchtmittel selbst. Das ist durchaus in Ordnung. Die meisten wissen, dass die Lampe um ein Grad nach unten geneigt werden muss – falls sie beim Einbau etwas verstellen. Doch das endgültige Einstellen würde ich einem Profi überlassen“, rät Schenk. Der graumelierte Schnauzer bewegt sich nach oben. Ein freundliches Lächeln kommt zum Vorschein. Bei der Aussage muss auch er schmunzeln: „Doch wir wissen alle, dass die Gegebenheiten auch in Werkstätten nicht immer perfekt sind. Auch dort ist der Boden mal uneben oder das Messgerät mittlerweile schief. Das verfälscht die Messergebnisse und kann zu einer Gefährdung im Straßenverkehr führen“. Nun soll nachgebessert werden.

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