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Warum Frauen besser Motorrad fahren...

| Autor / Redakteur: Stefan Zipperer / Valeria Schulte-Niermann

August 2008, ein schöner Tag, um mal wieder die alte Vmax rauszuholen und eine schöne Runde durch die Eifel zu fahren. Rein ins Ahrtal und erst mal die Landschaft genießen. Die wilden Zeiten sind vorbei, also genieße ich eher das Drehmoment im unteren Bereich, als auf jeder Gerade ins Nirwana zu beschleunigen.

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(Bild: ©evan_ers/Fotolia.com [M] – Haselmann)

Ja, wie nennt man das heute? ENTSCHLEUNIGUNG… Irgendwann eine Ampel, von rechts kommt eine kunterbunte Gruppe Biker auf meine Strecke gefahren, unterschiedliche Kennzeichen, die Horde hat sich wohl erst an der Ampel zusammengefunden. Es wird grün für die anderen, die Gruppe teilt sich wieder in alle Richtungen, wohl in der Mitte biegt eine Harley in meine Richtung ab. Ich bekomme grün, fahre gemütlich los, habe dann aber trotz moderater Geschwindigkeit die Harley schnell eingeholt, will gerade zum Überholen ansetzen, da merke ich, dass auf dem Motorrad vor mir nicht der klischeeübliche Manager auf dem Wochenende-Selbstfindungstrip sitzt, sondern eine relativ zierliche Person. Hmm, eine Frau auf diesem Brocken? War das eher Zufall, dass sie an der letzten Ampel nicht mit dem Panzer umgekippt ist oder sind da irgendwo einziehbare StützrädchenJ? Ich entschleunige also ein wenig und fahre einfach mal hinterher. Schaue, wie sich das Mädel so macht …

Die Straße windet sich durch enge Kurven , der Belag ist hubbelig , hier und da ein kleiner Ort , und auch ab und an eine Ampel , die aber bei rot kein Problem für meine Vorfahrerin sind. Sie ist zwar so klein (im Gegensatz zu meinen 191cm), dass sie nur mit den Zehenspitzen auf den Boden kommt , aber sie meistert all dies mit Bravour. In den Kurven eine saubere Linie, kein Wackeln, kein eckiges Gezappel, wie das so einige andere vormachen, die uns überholen.

Irgendwann trennen sich unsere Wege, ich fahre weiter Richtung Rheinfähre, um noch ein wenig in den Westerwald zu fahren. Während der Fahrt dachte ich dann nach: Mensch, wie war das früher? Frauen auf Motorrädern? Nein, das gab es einfach nicht, erst recht nicht auf so einem Panzer.

Wir MÄNNER waren unter uns, das Motorrad war quasi ein Refugium unseres Geschlechts, bei willkürlichen Treffen auf der Landstraße waren wir unter uns, die holde Weiblichkeit war grundsätzlich auf den hinteren Platz verbannt und stand häufig auch abseits, wenn wir, die Herren der Schöpfung, mal wieder zotige Witze rissen oder die letzten Kurvenerlebnisse analysierten…

Heute ist das anders. Locker ein Drittel meiner Kundschaft ist weiblich und die fahren beiliebe nicht durchweg 125er-Minichopper. Nein, sie fahren VFRs, A-Twins , 1200er Bandits, ach einmal queerbeet sind sie vertreten! Und eins haben sie allesamt gemeinsam: Sie fahren viel bewusster als wir, die einstigen Ritter der Landstraße! Wenn ihr mal wieder jemanden auf dem Hinterrad seht, oder es überholt euch in einer uneinsehbaren Rechtskurve außen noch jemand auf der Fußraste, dann seid euch sicher: Es ist keine Frau!

Jaja, die trauen sich das einfach nicht, werden jetzt viele Bartträger unter euch sagen… Nein, so ist es nicht. Ich behaupte: Frauen fahren einfach besser als Männer! Hui, das war aber jetzt ein Schlag ins Gesicht der Zunft.

Ist es wirklich so? Denkt mal nach: Ja, es macht Spaß, auf dem Hinterrad zu fahren! Ich habe das früher auch gerne gemacht, aber meist dann, wenn jemand zuschaut. Genau wie die Beschleunigungsorgien an den Ampeln: Wer macht das schon, wenn kein Zuschauer da ist? Dabei ist es unerheblich, ob man beklatscht oder ausgebuht wird. Wir wollen uns wie ein stolzer Pfau zur Schau stellen, wie toll wir doch sind. Unsere martialischen Aktionen sollen die Welt erzittern lassen, hier bin ich, schaut her, ich bin der König der Welt!

Das alles brauchen Frauen nicht, sie haben es nicht nötig, sich aufzuplustern, wenn sie , eingepackt in Lederkombi und Integralhelm, ihre Weiblichkeit gar nicht zur Schau stellen können. Sie fahren Motorrad, weil es ihnen Spaß macht, den Wind im Gesicht zu spüren, die Fliehkräfte in den Kurven, die Freiheit auf zwei Rädern, eine sinnvolle Ergänzung des grauen Alltags. Frauen fahren nicht Motorrad, weil es männlich ist, logisch. Sie fahren, weil es ihnen heutzutage in unserer Gesellschaft ermöglicht wird!

Früher: Da war eine Frau auf dem Fahrersitz ein Kuriosum, eine männerfressende Amazone, die aus Trotz in eine der letzten Bastionen der Männer einfiel, um es ihnen allen zu zeigen! Heute ist das anders. Durch die Umstrukturierung der Gesellschaft haben sich die Rollen anders verteilt. Genau so wie Männer sich inzwischen ebenfalls des öfteren auch stundenlang im Badezimmer aufhalten, fahren Frauen Motorrad. Alles für alle, die Gesellschaft vermischt sich, was die Rollenverteilungen angeht, die Hobbys, die Tätigkeiten. Ich finde das super!

Zurück zum Thema: Warum behaupte ich doch allen Ernstes, Frauen können es besser als wir? Ganz einfach: Schauen wir uns doch mal einfach unsere männlichen, genetischen Wurzeln an: Vom Jäger und Sammler der Steinzeit, dem Mammutjäger und Herr des Feuers bis zur Jetztzeit war es nur ein kleiner Weg für uns Männer. Da fällt es kaum ins Gewicht, dass unsere Lebenserwartung immer deutlich niedriger war als die des anderen Geschlechts. Da lag nicht nur daran, dass wir uns immer schon gerne gegenseitig den Schädel einschlugen, sondern auch an den anderen Tätigkeiten, die einem schnell das Leben kosten konnten, wie die Jagd , die Balz (nicht zu unterschätzen!!!) und unsere allgemeine Überheblichkeit, König der Welt zu sein.

Frauen waren da immer schon etwas cleverer: Sie blieben brav in der Höhle, hüteten das Feuer, bereiteten Nahrung, kümmerten sich um die Kranken und Verletzten, und sie machten das Allerwichtigste: Sie gebaren die Kinder und erzogen sie! Der letzte Punkt ist der zentrale Ansatz: Frauen brauchen keinen Kick mehr, keine Gratwanderung, sie haben so etwas bei jeder Geburt (und nicht wenige starben oder sterben immer noch dabei)! Dann noch der Punkt mit der Aufzucht des Nachwuchses, beim Homo sapiens sapiens auch Erziehung genannt: Die Welt ist grausam und gefährlich, da passt man natürlich auf, was dem eigenen Kind über den Weg läuft und was es wie lernt, es könnte das Letzte sein …

Fazit: Frauen sind vorsichtiger als Männer, denn man begibt sich weder selbst freiwillig in Gefahr, noch tut man das für den schmerzhaft geborenen Nachwuchs, der einen jede Minute aber der Geburt Nerven kostet. Auch wenn heute viele Frauen in unserer Gesellschaft (noch) keine Kinder haben, sie sind aufgrund der menschlichen Entwicklung vorsichtiger als Männer. Die dagegen sind, wie es ein Comedian kürzlich passend formulierte, schlichtweg primitiv, aber glücklich .

Der Amerikaner sagt dazu: Live fast, die young (lebe schnell, stirb jung), passend seit Zehntausenden von Jahren. Das macht zwar Spaß, aber halt nicht lange … So fährt die Frau von heute Motorrad, frei vom Zwang, sich profilieren zu müssen. Männer, die kleben sich Irokesenbüschel auf den Helm, die bevorzugen Helme mit aufgemalten Totenkopffratzen, sie verzieren ihre Möppchen mit Karbonteilen, bauen einen möglichst lauten (und dabei leistungsfressenden, wie dumm… ) Auspuff drunter und flexen nicht zu selten ihre Angstnippel bei verschlossenen Garagentoren an, um zu zeigen: Hey, hier bin ich!

Dieses Gehabe pflanzt sich auch in der Wahl des Motorrads fort: Frauen brauchen keine Hayabusa (und auch keine Vmax J), um das Motorrad an sich zu genießen. Das Motorrad muss praktisch sein, die Leistung und das möglichst extreme auffällig Äußere ist unwichtig. Es muss passen und funktionieren.

Hier auf dem Hof der Werkstatt sieht man das öfters: Es kommen Biker auf den Hof, die haben zwar das komplette Ausstattungsprogramm an ihrer GS, schaffen es aber kaum, vernünftig vom Motorrad abzusteigen, ohne die Lachnummer der Nachbarschaft zu werden. Viel zu hoch, der Trümmer, aber man ist halt der König!

Eine Frau würde das nie machen, denn sie denkt weiter: Was, wenn der Haufen mal umfällt und kein Neandertaler ist in der Nähe, der ihr den Trumm wieder aufrichtet? Nene, dann lieber was, was ich vernünftig bedient und gehalten bekomme…

Zu der Thematik fallen mir noch mehr Geschichten ein: Ich fahre hinter einer Gruppe, vorne die Männer, hinten die Frauen (konnte man an den filigraneren Kombis unschwer erkennen). Aus der Stadt raus, die ersten Kurven: Die Männer (allesamt auf den üblichen Supersportlern) geben Gas und sind weg. Die Frauen bleiben beim unveränderten Fahrstil, teilweise bremsen sie zwar mehr, als mir lieb war (aber ich kannte die Strecke, die nicht, was man an den Kennzeichen erkennen konnte), aber sie fuhren allesamt flüssig durch den kurvigen Wald, ohne, dass auch ich als Nachfolger den Spaß am Fahren verlor. Naja, ca. 5km weiter dann der unfreiwillige Stopp: Einer der Herren der Schöpfung war samt CBR in die Büsche gefahren, einwandfrei zu flott auf unbekanntem Terrain unterwegs. Glücklicherweise lediglich das Motorrad etwas deformiert, der Fahrer hatte nur einen Strich in der Hose – und das war’s. Die Krönung war der Abschluss: Nach der üblichen Ausrederei (Straße feucht, blablabla) musste der Herr dann als Sozius auf dem Motorrad seiner Frau weiterfahren (die sich nämlich beharrlich weigerte, auf den Sozius zu rücken… ). Mann, war das geil! Ich habe nachher laut gelacht und mir gedacht: Hey, so war ich früher auch, es hat sich nichts geändert! War wohl ca. 1985, da wollte ich den Macker machen und fuhr auf dem Hinterrad an einer netten Autofahrerin vorbei, bis mein Rücklicht auf dem Boden kratzte, ich unfreiwillig abstieg und mir den Steiß prellte… Die hielt an und grinste: Kann ich helfen? Was ich dankend ablehnte, meinen Haufen zurechtbog und im Stehen (sitzen war nicht mehr drin, aua… ) 10km nach Hause fuhr und drei Tage auf dem Bauch schlafen musste…

Der Mann von heute ist also eigentlich genau der gleiche Neandertaler wie vor 10.000 Jahren, lediglich etwas besser rasiert und nicht so streng riechend, die Frau dagegen hat sich weiterentwickelt und erkannt, dass sie neben den althergebrachten Tätigkeiten auch durchaus in ihrer Freizeit den Spaß haben kann, den das andere Geschlecht für sich seit Ewigkeiten gepachtet hatte.

Frauen fahren auch sicherer Motorrad, weil sie vor der unbekannten Kurve nicht wie wir denken: Zähne zusammen und durch! Sondern: Ich habe keine Lust auf: das Gelächter oder Gemecker meines Partners, wenn ich in die Büsche fahre

  • auf die Kohle für die Reparatur, die könnte ich in sinnvollere Dinge stecken
  • auf die blauen Flecken (wenn’s nur das ist ), die meinen Alltagsablauf erschweren

und und und.

Jaja, sie sind komplexer als wir, die Damen. Ist das so schlecht? Nein, denn damit lebt man meistens länger, auch wenn man vielleicht etwas weniger Nervenkitzel hat…

So freue ich mich darüber, dass in der heutigen Zeit, wo die Anzahl von neu erworbenen Führerscheinen für Zweiräder andauernd rapide sinkt, die Anzahl der Frauen für dieses Hobby aber diametral dazu stetig steigt. Das soll nicht heißen, dass wir Männer den Spaß am Fahren verloren haben, weil es immer mehr Frauen in unserem Metier gibt, nein, wir können uns freuen, dass immer mehr Frauen mit uns fahren, denn damit wird das Motorradfahren endgültig aus der Ecke der potenziellen Organspender und Kinderschrecker rausgeholt:

Vielfach sind es nicht nur Frauen, die uns da entgegen kommen, sondern auch Mütter! Und Mütter sind oft Entscheidungsträger, wenn es mal beim Nachwuchs darum geht, ob er seinen ersten fahrbaren Untersatz mit Motor bekommt.

Wie war das früher: Papa sagte ja (selber gefahren und es war ja sowieso männlich… ), Mama sagte nein (nicht gefahren, voll der üblichen Klischees: zu gefährlich, schmutzig etc.) Heute fährt Mama selber, warum sollte die dann beim ersten Wunsch des Nachwuchses die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und schreiend weglaufen? So können wir doch dankbar sein, wenn möglichst viele Frauen Motorrad fahren, denn damit wird der ganzen Zunft ein Riesengefallen getan: Es wird erkannt, dass beim Motorradfahren der Spaß im Vordergrund steht, aber bei gebotener Sicherheit und einer vernünftigen Selbsteinschätzung die Sicherheit nicht hinten anstehen muss. Damit wird das Image aufpoliert und der Nachwuchs ist etwas mehr gesichert!

Ich kann das nur aus eigener Erfahrung schildern: Bei meinen Eltern war es wie oben beschrieben, auch wenn mein Vater nur eine Rixe gefahren hat. Meine Frau hat jedes mal, wenn ich mit unseren Töchtern auf Roller oder Motorrad unterwegs war, Kerzchen gebrannt und mich mit Todesflüchen belegt, wenn den Kleinen auch nur ein Haar gekrümmt wird. Jetzt hat sie mit 38 selber (zusammen mit ihrer Freundin ) im ersten Anlauf ihre Motorradpappe gemacht (der Herr des Hauses brauchte dazu in der Theorie drei Anläufe, weil er ja der König war … ). Seitdem ist sie wie ausgewechselt: Tochter auf den Sozius, der Herr fährt los und tschüß. Keine Angstattacken, keine Lebenskrisen, keine Kontrollanrufe, ob man noch lebt oder im Hintergrund die Intensivstationsmaschinen piepen…

Sie hat erkannt, dass es Spaß macht, das Fahren. Es ist gefährlich, nicht weniger als früher. Aber wenn man es selber „erfahren“ ( im wahrsten Sinne des Wortes) hat, nimmt die Erfahrung die Angst davor und weicht dem Genuss der herbstlichen Ausfahrt durch den Blätterwald mit all den Farben und Gerüchen, die man im vollklimatisierten Autokäfig nie so erleben kann.

Also, ihr Herren der Schöpfung: Nehmt es den Damen nicht übel, wenn sie in euren Reihen auftauchen, freut euch und erkennt die Vorteile! Und an die Damen gerichtet: Fahrt, fahrt, ich freue mich über jede, die ich auf der Straße sehe, dass nicht ich alleine diesen Genuss des Fahrens und Lebens auf der Landstraße habe . Es ist für mich jedes mal eine Freude ohne Ende, auf dem Motorrad (oder Roller) zu sitzen und mich in die Kurven zu schwingen. Kommt mit und genießt es selber, es lohnt sich!

Der Beitrag stammt von Stefan Zipperer, Motorrad- und Rollerhändler aus Alfter bei Bonn, „Meister ZIP“ genannt.

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