Weiß-Blauer Jubel und die Bekenntnisse eines treuen Honda-Händlers

Anmerkungen zu aktuellen Motorradthemen

| Autor: Stephan Maderner

Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin.
Rasender Reporter: An dieser Stelle redet »bike und business«-Chefredakteur Stephan Maderner regelmäßig Benzin. (Bild: Vogel Communications Group)

Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 15/II), Folge 681: Am Dienstag dieser Woche durfte ich im Berliner BMW-Werk Berlin-Spandau an einer besonderen Zeremonie teilnehmen: Um exakt 12 Uhr 32 lief dort am Grundband 3 das dreimillionste BMW-Motorrad seit 1969 vom Band. Mittendrin unter den stolzen Mitarbeitern und zahlreichen Branchen-VIPs natürlich...

...wie immer auch »bike und business«. Meinen weiß-blauen Jubiläumsbericht aus der Bundeshauptstadt lesen Sie im vorliegenden Newsletter. Nicht ganz so viel Grund zu Jubeln haben derzeit die Honda-Händler. Viele leiden nach eigenen Angaben unter der Liefersituation ihres Herstellers. Wir haben an dieser Stelle jüngst kritische Händler zu Wort kommen lassen. Leider hat der Deutschland-Importeur trotz unserer Anfrage bis heute kein offizielles Statement zur Lage abgegeben. Wir hoffen, dass sich die Situation entspannt und drucken zum Abschluss der aktuellen Berichterstattung die Bekenntnisse eines treuen Honda-Händlers ab, der anonym bleiben möchte: „Wir sind seit fast 40 Jahren Honda-Vertragshändler und mittlerweile in zweiter Generation. Allerdings haben wir so eine Situation, wie dieses Jahr, mit Honda noch nicht erlebt. Da wir ein sehr kleiner Betrieb sind und ich deshalb für (fast) alles zuständig bin, habe ich den Gesamtüberblick über alle Bereiche und die damit verbundenen Probleme, die sich über die Jahre nicht verbessert haben - im Gegenteil. Zu allem anfallenden Ärger verlässt uns zur Monatsmitte auch noch unser Außendienstmitarbeiter, die eigentliche Schnittstelle zu Honda.

Wer hat Angst vor der Saisonstart-Attacke?

Wer hat Angst vor der Saisonstart-Attacke?

05.04.19 - Aus dem Tagebuch des »bike und business«-Chefredakteurs (KW 14/II), Folge 679: Was ist nur los bei Honda, fragte ich jüngst an dieser Stelle. Am kommenden Wochenende blasen die Händler aller Marken zur konzertierten... lesen

Durch Zufall haben wir erfahren, dass er aufhören möchte. Jetzt muss ich mit den ganzen Problemen: falsch ausgestellte Fahrzeugrechnungen, falsche Werbeartikel für Roadshow, keine Vorführer zur Saisoneröffnung, wenig Neumodelle zur Roadshow, fehlende Gutschriften, usw., alleine klar kommen, was sich als sehr schwierig erweist, da in der Zentrale in Frankfurt jeder Ansprechpartner etwas anderes erzählt. Und das nicht immer mit der nötigen Motivation oder einfach mit der Angst, einen Fehler eingestehen zu müssen. Aber jetzt verstehe ich noch besser, warum er die Flinte ins Korn schmeißt und aufhört. Schade um den Mann – er war einer von den ,Guten'! Er hatte nicht nur die Honda-Brille auf. Es würde mich nicht wundern, wenn ihm noch weitere folgen werden.

Zum Thema Lieferengpässe – in unserem ,tollen' Online-Bestellsystem können wir dieses Jahr nicht einmal nachschauen, ob und wann die Ware lieferbar ist. Viele Modelle sind schlicht und einfach nicht angelegt. Letzte Woche hätte ich z.B. zwei Roller-Verträge (SH125/300) schreiben können, aber keiner konnte mir sagen, wann die Ware kommt. Leider können wir uns aufgrund unserer Händler-Größe nicht alle Modellvarianten auf Lager stellen und sind deshalb abhängig von der Honda-Lieferfähigkeit. Wenn die Honda-Zentrale die Fahrzeuge allerdings von Hand vergeben möchte, bietet sich es sich natürlich an, die Modelle nicht online zu stellen!

Wie ich mittlerweile vermute, ist diese Situation gewollt. Denn die Japaner möchten mehr gewinnbringende, hochpreisige Fahrzeuge in den Verkehr bringen. Da die ,noch' unverbindlichen Abnahmepläne jedes Jahr erhöht werden, soll man dann die Volumenmodelle durch teurere ,Ladenhüter' ersetzen, um in den Bonusbereich zu kommen. Dieser Plan wird nicht aufgehen.

Die Planzahlen, die Honda uns vorschreibt, steigen jedes Jahr (auch 2020!) und nicht nur wir ,Kleinen' haben darunter zu leiden. Da sich der Einkaufsfinanzierung-Zinssatz der Honda-Bank danach richtet, haben wohl auch die ,Großen' mit der gestiegenen Planung ihre Probleme. Mehrere namhafte Händler aus dem Südwesten haben die Vororder auch erst einmal nicht akzeptiert. Allerdings sind meines Wissens alle bei nachträglichen Treffen mit der Honda-Führung eingeknickt und haben dann wohl doch unterschrieben.

Unser Betrieb wird mit 1,5 Prozent weniger Marge bestraft, weil ich die Nase voll habe und nicht eingewilligt habe. Dadurch kann ich den Vorhalteplan nicht erfüllen und bekomme noch einmal 0,75 Prozent gestrichen. Eine Kulanzregelung, wie all die Jahre, gibt es nicht mehr. Im Vergleich zum hohen Zinssatz bei der Honda-Bank ist das noch das kleinere Übel. Wir haben also die Wahl zwischen Not oder Elend.

Mit Ihrem Artikel über die Händler in Österreich im Hinterkopf, fällt es mir schwer die Aussage unseres Vizepräsidenten auf dem letzten Händlertreffen: ,Wir wollen wachsen – mit unseren Händler', als ernst gemeint zu akzeptieren.

In erster Linie geht es Honda um Profit und leider nicht mehr um die eigentliche Vision von Soichiro Honda. Da diese eingeschlagene Richtung uns ums Überleben kämpfen lässt, wundert es mich, dass die Händlerschaft keine „Revolution“ startet – nicht einmal ein kleine - nichts!

Ich könnte noch viele weitere Beispiele einer falsch ausgerichteten Betriebsplanung nennen, aber da ich eigentlich kein Mensch bin, der sich offen beschwert, reicht dieser kleine Auszug meiner Probleme, die ich jeden Tag zu lösen habe. Und das zusätzlich zum normalen Alltagsstress!

Unsere Familie stand immer hinter der Marke Honda und war stets ein loyaler Partner. Aber die derzeitige Ausrichtung des Honda-Konzerns lässt uns zwar noch an die Produkte glauben, aber nicht mehr an die Führungsqualität der Japaner. PS. Nur noch ein kleines Update zur Liefersituation bei Honda. Seit dem Wochenende haben wir es jetzt schwarz auf weiß, dass – bis auf wenige Ausnahmen – die Fahrzeuge erst einmal ausverkauft sind. Eine ausführliche PDF-Liste liegt uns vor und die Lage ist noch dramatischer als gedacht.“ So weit der O-Ton des Honda-Händlers.

Nach dem fulminanten Saisonstart am letzten Wochenende wünsche ich allen Händlern weiterhin viel Drive und Energie für die nächsten heißen Wochen und viel Spaß bei der Arbeit mit den Kunden. Die Branche braucht Überzeugungstäter wie Sie. Lenken wir doch mal die Sprache auf die eher positiven Dinge in unserem Businessalltag – worüber freuen Sie sich gegenwärtig am meisten? Nennen Sie mir einfach die Beispiele, die Ihnen Freude bereiten.

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