Wenn das Bike um Hilfe ruft

Moderne E-Callsysteme für Motorräder zum Nachrüsten

| Autor / Redakteur: Christoph Daniel / Stephan Maderner

Erwin van Hoof stellte auf der Fachtagung »bike und business« das E-Call-System Dguard vor.
Erwin van Hoof stellte auf der Fachtagung »bike und business« das E-Call-System Dguard vor. (Bild: Vogel Business Media/Johannes Untch)

Nach einem Unfall können Sekunden über Leben und Tod entscheiden – insbesondere bei Motorradfahrern, die meist in abgelegenen Gebieten unterwegs sind. Doch wer ruft um Hilfe, wenn der Fahrer dazu selbst nicht mehr in der Lage ist? „Der Dguard“, weiß Erwin van Hoof von Digades.

Sonntagnachmittag, Schwarzwaldhochstraße. Es ist ein goldener Herbst, die warmen Sonnenstrahlen brechen sich in den mächtigen Weißtannen, die dem Schwarzwald seinen charakterstarken Ausdruck verleihen. Der Asphalt ist noch etwas feucht, vereinzelt liegen bunte Blätter auf der Straße. „Eigentlich der perfekte Abschluss des Motorradjahres“, sagt Jan Gaartz nachdenklich. Der gemütliche Mitvierziger trägt eine dunkle Bikerjacke und hat die Hände gemächlich vor dem Bauch verschränkt. Er fuhr an jenem Nachmittag mit seiner schwarzen Honda CB 500 die Serpentinen entlang. Er kennt die Strecke zwischen Freudenstadt und Mummelsee gut. Nach einer engen Kurve fährt er über eine Bodenwelle, das Motorrad gerät plötzlich ins Schleudern. Dann verschwimmt seine Erinnerung. Im Polizeibericht steht später, dass er mitsamt Motorrad die Böschung hinabgestürzt ist. Man findet ihn dort erst Stunden später.

Frank Seiler ist COO von Alphatechnik, einem Spezialisten für Technik-Zubehör. Er kennt viele dieser Geschichten. Gerade hat er mit Erwin van Hoof vom Automobilzulieferer Digades seinen Vortrag auf der Fachtagung »bike und business« in Würzburg beendet. Sie sind stolz auf das Produkt, das sie mitentwickelt und vorgestellt haben: den Dguard. Ein intelligentes Notrufsystem für Motorradfahrer, die nach einem Unfall selbst nicht mehr in der Lage sind den Notruf zu wählen.

Ein Kind der digitalen Vernetzung

Motorradfahrer sind oft in verkehrsarmen Gebieten unterwegs. Laut ADAC kam es 2016 zu mehr als 11.000 Motorradunfällen auf Landstraßen. Viel Natur, Panoramablick, jeder Tag ein kleines Abenteuer. Doch ein abgelegenes Tal, schlechter Handyempfang und keine Mitfahrer können verheerende Folgen haben: Wer alleine stürzt, muss auf Andere hoffen. Dann zählt jede Sekunde. Und selbst wer in der Gruppe unterwegs ist, verschenkt oft wertvolle Zeit, weil der exakte Unfallort der Rettungsleitstelle nicht genannt werden kann. E-Call Systeme sollen nun helfen.

E-Call Systeme entstammen der digitalen Vernetzung. Sie bieten große Chancen, um Situationen zu vermeiden, in denen der Biker auf sich alleine gestellt ist. Die fahrzeugintegrierten Notrufsysteme erkennen einen Unfall anhand verschiedener Parameter. Mit Hilfe eines GPS-Empfängers übermitteln die Geräte den genauen Aufenthaltsort des Fahrers automatisch an die nächste Leitstelle. Selbst wenn die Systeme von der Motorradbatterie getrennt sind, müssen sie noch sechs Minuten lang ein Notrufsignal absetzen - das schreibt eine EU-Verordnung vor. Autos fahren seit rund zehn Jahren mit E-Call Systemen.

Anbieter mit marktreifen Systemen sind noch rar

Für die Motorradbranche entwickelten sich E-Call Systeme erst in den vergangenen Jahren. Aktuell gibt es zwei Anbieter: Digades stellte 2016 offiziell das weltweit erste für Motorräder vor. BMW folgte 2017 mit einem intelligenten Notruf, der als Sonderausstattung ab Werk verbaut ist. Andere Lösungen, wie der Rider Ecall des Helmhersteller Schuberth, verschwanden wieder vom Markt. Das System arbeitete zu empfindlich und setzte ohne Unfall einen Notruf ab.

Eines haben die Hersteller gemeinsam: Von einer flächendeckenden Nutzung sind sie weit entfernt. Jan Gaartz hatte bei seinem Unfall keines dieser Systeme in seinem Motorrad verbaut. „Ich hatte mich schon mit dem E-Call für Motorräder auseinandergesetzt, aber die Notwendigkeit nicht wirklich erkannt.“ Eine Problematik, auf die Erwin van Hoof, Vertriebsleiter bei Digades, häufig trifft, wenn er das System den Motorradhändlern verkaufen möchte und sich mit ihnen austauscht. „Der Endkunde nimmt das E-Call System noch nicht so gut auf. Es braucht Zeit, bis er es als notwendig erachtet.“ Das liegt nicht nur an der fehlenden Sensibilität der Kunden: Die Systeme sind teuer und können inklusive Einbau durch einen zertifizierten Händler bis zu 900 Euro kosten.

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