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Wenn jede Sekunde zählt: Ein Schutzengel für die Höllenmaschine

| Autor / Redakteur: Selina Mühleck / Elena Koch

Motorradunfälle sind leider keine Seltenheit. Vor allem wenn niemand den Unfall beobachtet, kann es passieren, dass ein Verletzter nicht rechtzeitig Hilfe erhält. Ein E-Call-System namens Dguard könnte Abhilfe schaffen.

Charmante Standbesetzung bei der Fa. Digades: Kerstin Berger (re.) und Christin Fonfara.
Charmante Standbesetzung bei der Fa. Digades: Kerstin Berger (re.) und Christin Fonfara.
(Bild: bike und business/Judith Leiterer)

Ein lautes, lang gezogenes Kratzen von Aluminium und Kunststoff auf Asphalt ist zu hören. Die mannshohen Halme des Maisfeldes biegen sich ächzend zur Seite, als das schwarze Motorrad samt Fahrer mit hoher Geschwindigkeit in sie hinein rauscht. Danach herrscht Stille. Der Mais richtet sich langsam wieder auf und alles sieht aus wie vorher. Wer auf der abgelegenen Landstraße vorbeikommt, bemerkt nicht, dass sich hier gerade ein schwerer Unfall ereignet hat. Er kann nicht erkennen, dass hier gerade ein Mensch um sein Leben kämpft. Er fährt einfach weiter.

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So oder so ähnlich fängt es an, wenn ein Motorradfahrer verunglückt und danach stundenlang nicht gefunden wird. Die Spuren sind schnell verwischt und bei einer lebensbedrohlichen Verletzung sind die Chancen gering, rechtzeitig Hilfe zu erhalten.

Genau über diese Szenarien hat sich das Ehepaar Berger von der Firma Digades Gedanken gemacht. Die beiden passionierten Motorradfahrer verstanden nicht, warum ab 2018 nur Autos mit einer E-Call-Funktion, die automatisch einen Notruf absetzen kann, ausgestattet sein müssen. Mit ihrem Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie entwickelten sie daraufhin ein neuartiges System mit dem Namen „Dguard“.

GPS-genauer Notruf zur Rettungsleitstelle

Aus dem englischen Wort für Wächter abgeleitet, kann dieses zwar nicht vor Unfällen schützen, jedoch im Ernstfall tatsächlich ein Lebensretter sein. Es kann erkennen, wenn ein Unfall passiert und dies mit einer genauen GPS-Positionsangabe an die Rettungsleitstelle melden. Dort ist man, dank der baldigen Pflicht für E-Call-Systeme in Neuwagen, auch auf solche Notrufe vorbereitet und kann schnell reagieren. Durch eine Bluetooth-Kopplung mit einem im Helm integrierten Headset ist dann auch eine Sprachverbindung zum Unfallopfer möglich. „Man weiß genau: hier ist das Motorrad. Und wenn der Fahrer bei Bewusstsein ist, kann er sich über die Helmverbindung sogar selbst helfen“, erklärt Kerstin Berger auf der Fachtagung »bike und business« in Würzburg.

Zugriff auf alle Mobilfunknetze

Der Motorradfahrer im Maisfeld kann selbst keinen Rettungswagen rufen. Er liegt bewusstlos und schwer verletzt zwischen den Pflanzen. Der einzige, der den Unfall bemerkt hat, ist der Dguard. Das LED-Licht am verbeulten Lenker des Motorrads beginnt zu blinken und nach 30 Sekunden baut das System automatisch eine Verbindung zur Rettungsleitstelle auf. Weil dabei die Notrufnummer genutzt wird, und der Dguard damit auf alle Mobilfunknetze zugreifen kann, ist sogar von diesem abgelegenen Standpunkt ein Verbindungsaufbau möglich.

Das System ist hier also der Schutzengel, den man manchmal braucht und den die Bergers so wichtig finden. Von Selbsttests in Südafrika, Amerika und Europa bis hin zu Straßen- und Crashtests wurde ihr Produkt eingehend geprüft. Denn der Dguard darf weder zu leicht auslösen, noch einen Unfall nicht erkennen. Dem Zufall wird dabei nichts überlassen. „Wir müssen und wollen für Qualität bürgen“, macht Frau Berger deutlich, „unsere ganze Familie fährt ja Motorrad, da könnte das System auch einmal für meinen Sohn wichtig sein.“

Wichtig findet es auch Isabell Braun, die an einem grauen Novembertag mit ihrer gelb-schwarzen Yamaha die Straße herauf fegt. Als die junge Frau den Helm abnimmt, kommen dunkle, kurze Haare zum Vorschein. Die Begrüßung fällt kurz aus, dafür kommt ein „die ganzen Blätter auf der Straße können auch richtig gefährlich sein“. So wenig sie als Frau zwar in das Klischee der Motorradfahrer passt, so gleich sind doch ihre Gedanken wenn es um das Thema Sicherheit beim Fahren geht. „Vor allem auf abgelegenen, kurvigen Landstraßen wo kaum Verkehr ist, macht das Motorradfahren doch am meisten Spaß. Da wird mir schon manchmal bewusst, dass mir dort – falls mal etwas passiert – so schnell niemand helfen kann.“ Die 23-Jährige hält automatische Notrufsysteme daher für sehr sinnvoll und meint: „Für Motorräder würde das doch noch viel mehr Sinn machen. Es passieren so oft Unfälle ohne dass andere Fahrzeuge beteiligt sind. Meiner Meinung nach sollte man so etwas serienmäßig einbauen.“

479 Euro plus Einbaukosten

In Serie wird das E-Call-System zwar noch nicht verbaut, allerdings arbeitet die Firma Digades nicht nur mit Motorrad-Werkstätten zusammen, die Fahrzeuge aller Marken damit aufrüsten können. Die Kooperation mit Händlern macht auch einen Einbau in neue Maschinen möglich. 479 Euro plus Einbaukosten muss ein Kunde dabei für die Notruffunktion am Motorrad ausgeben, die bisher ausschließlich von Digades hergestellt wird.

Denn obwohl auch der ADAC diese als sinnvoll erachtet, konnte bis jetzt noch kein anderer Anbieter ein solches System auf dem Markt etablieren. Der Grund dafür ist laut Lutz Berger „das Problem, dass die Erkennung von Unfallsituationen völlig anders ist als beim Pkw“. Es sei zum Beispiel schwierig, den Unterschied zwischen einer sportlichen Fahrweise und einem umgekippten Fahrzeug für das System zweifelsfrei erfassbar zu machen. Bei Dguard ist dies durch verschiedene, am Motorrad angebrachte Module und Sensoren sichergestellt.

Integriertes Diebstahlwarnsystem

Ab 2017 will sich auch BMW an dieser Technik versuchen und ein E-Call-System auf den Markt bringen. Der Helmhersteller Schuberth hatte dies 2013 bereits als erster Anbieter versucht und musste sein Produkt schon nach einem Jahr wieder einstellen. Dguard soll laut den Bergers dabei länger durchhalten. Denn neben der E-Call-Funktion kann das System auch zur Diebstahlwarnung benutzt werden. Sobald die Zündung ausgeschaltet ist, überwacht ein Modul – nahezu ohne Strom zu verbrauchen – ob das Motorrad bewegt wird. Ist dies der Fall, bekommt der Halter über eine Push-Mitteilung die Information und den Standort des Fahrzeugs direkt via Smartphone-App übermittelt.

Dank der Standortbestimmung kann auch der Fahrer im Maisfeld nach nur wenigen Minuten geborgen werden. Er ist ein Beispiel für all jene Fahrer, denen das E-Call-System schnelle Hilfe besorgen und damit möglicherweise sogar das Leben retten kann. Denn wie auch Isabell Braun feststellt: „Es gibt ja wirklich Augenblicke, da zählt jede Sekunde.“

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