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Zero SR/S: der lautlose Dampfhammer

| Autor: Jan Rosenow

Mit der SR/S ergänzt Zero seine SR-Baureihe um eine Sporttourer-Variante. Der drehmomentstarke E-Motor verspricht zwei Stunden Landstraßenspaß vom Feinsten, aber dann drängt sie sich wieder auf: Die Frage nach dem Sinn des Elektromotorrads.

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In edlem Grau macht die Zero SR/S eine gute Figur.
In edlem Grau macht die Zero SR/S eine gute Figur.
(Bild: Rosenow/»bike und business«)

Während die vierrädrigen Elektrofahrzeuge der Autobranche einen Zulassungsrekord nach dem anderen aufstellen, dümpeln elektrische Motorräder im Abverkauf weiter dahin. Kein Wunder: Können sich Autofahrer über bis zu 9.000 Euro Förderung freuen, wenn sie sich für ein E-Fahrzeug entscheiden, gibt es für Motorradkäufer keinen Cent.

Die Anschaffung eines Elektromotorrads ist also weiterhin eine ganz bewusste Entscheidung: Wer sich eine Zero, eine Energica, eine Harley-Davidson Livewire oder auch einen BMW C-Evolution anschafft, der denkt nicht in erster Linie an den hohen Preis und an die begrenzte Reichweite, sondern sieht sich als Vorreiter einer umweltfreundlichen Antriebstechnik, die zufällig auch richtig viel Spaß macht. Und nach der ersten Testfahrt mit der Zero SR/S können wir diesen Reiz auch gut nachvollziehen.

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Die SR/S und ihre unverkleidete Schwester SR/F sind die ersten Sportmaschinen von Zero. Fahrwerk, Reifendimensionen und Sitzposition gleichen Powernakeds vom Schlage einer Triumph Speed Triple. Die S-Variante besitzt trotz Verkleidung einen relativ hoch gekröpften Stahlrohrlenker, der zu einer aufrechten Sitzposition einlädt. Damit fällt es vor allem größeren Fahrern schwer, sich hinter die Verkleidungsscheibe zu ducken.

Doch braucht man auf einem Elektromotorrad überhaupt Windschutz? Zwar schafft die SR/S 200 km/h Höchstgeschwindigkeit, aber mit Rücksicht auf die Reichweite wird man diese wohl nur selten ausnutzen. Besser zum Konzept passt flüssige Fahrweise bei Landstraßentempo, und genau so haben wir die Zero auch genutzt.

Beschleunigen mit Warp-Antrieb

Den stärksten Eindruck hinterlässt natürlich der Motor. Mit 81 kW/110 PS und 190 Newtonmetern Drehmoment, die direkt ab Motorstart anstehen, sorgt er für fulminante Beschleunigungs- und Durchzugswerte. Fast meint man, die Welt um sich herum verschwimmen zu sehen – wie im Kino, wenn die USS Enterprise auf Warp geht. Einfach irre. Dieser Kick macht wahrlich süchtig und ist vor allem ohne jede Zauberei mit Kupplung und Getriebe zu erreichen – und ohne jeden Lärm.

Doch fehlt der Sound nicht zum Motorraderlebnis? Nun, angesichts der aktuellen Lärmdebatte gab uns die lautlose Maschine das durchaus angenehme Gefühl, zu den Guten zu gehören. Allerdings müssen wir auch zugeben, dass wir das anregende Spiel mit der Mechanik, die bewusste Veränderung von Drehzahl und Fahrgeräusch, vermisst haben. Beim Beschleunigen kickt die Zero zwar gewaltig, aber bei gleichmäßige Fahrt wird der leise Antrieb irgendwann langweilig.

Die Reichweitenanzeige sorgt für Spannung

Für die nötige Spannung sorgt der Blick auf die Anzeige der Restreichweite. Die Zero berechnet die verbleibende Fahrtstrecke alle paar Minuten neu, was dazu führt, dass man bei einer kurzen Stadtfahrt mit 50 km/h plötzlich deutlich an Reichweite gewinnt – diese sich jedoch nach zwei Kilometern Landstraße wieder in Luft auflöst.

Wir übernahmen die SR/S mit voller 14,4-Kilowattstunden-Batterie bei Vertragshändler HMF in Würzburg. Die Reichweitenprognose betrug 151 Kilometer. Nach der 110-Kilometer-Tour betrug das Polster noch 53 Kilometer – die anfängliche Schätzung war also durchaus korrekt. Gleichzeitig war die Tour auch lang genug, um einen Eindruck von den anderen Eigenschaften der kalifornischen Maschine zu gewinnen. Denn der Motor ist ja nicht alles. Gemessen an den ersten, enduro-artigen Zero-Maschinen hat die neue SR-Baureihe beim Fahrwerk, der Ergonomie und der Ausstattung mächtig zugelegt und muss den Vergleich mit etablierten Anbietern nicht mehr scheuen. Einstellbare Federelemente von Showa, hochwertige Reifen (Pirelli Diablo Rosso III), TFT-Display und das Elektronikpaket mit Bosch MSC können sich sehen lassen, nur die Vierkolben-Festsättel von J.Juan stammen nicht aus dem obersten Regal der Zulieferbranche.

Die Akkutechnik entwickelt sich in Riesenschritten weiter

Auch erschien uns die Grundeinstellung des Fahrwerks für einen Tourer ziemlich straff. Gleiches gilt für die schmale und kantige Sitzbank. Dass die Maschine träge einlenkte und mit Zug in Schräglage gehalten werden musste, lag wahrscheinlich eher an den Reifen, die schon recht abgenutzt waren.

Für das Aufladen der Batterie bietet Zero eine verwirrende Vielfalt an Optionen. In der einfachsten Variante mit 3-kW-Lader ist der Akku nach etwa vier Stunden wieder voll, mit diversen Optionen geht die Ladezeit auf 1,5 Stunden runter. Schnellladen per Gleichstrom ist allerdings nicht möglich, es gibt lediglich einen Typ-2-Stecker für Wechselstrom. Verkäufer sollten bei der Erklärung dieser Optionen sattelfest sein, denn Elektrofahrzeug-Interessenten sind meist sehr gut vorinformiert.

Und für wen eignet sich nun ein Motorrad mit 157 Kilometern Reichweite und einem Grundpreis von 20.990 Euro? Da gibt es natürlich die Elektrofreaks, die souverän mit E-Mobilitäts-Apps und Ladekarten jonglieren und ihre Touren entlang der Ladesäulen planen. Sie können mit der Zero Tagesfahrleistungen erreichen, die denen mit einem normalen Verbrennerbike nicht nachstehen. Aber auch für den sportlichen Landstraßenfahrer mit Lademöglichkeit in der Garage ist die Zero eine Option – umso mehr, wenn er sich ohnehin bereits Gedanken über die Umwelt- und Sozialverträglichkeit seines Hobbys gemacht hat.

Noch sind E-Motorräder teure Exoten. Doch die Akkutechnik entwickelt sich gerade in Riesenschritten weiter. Es dürfte nicht mehr lange dauern, bis die Herstellungskosten von Stromern nicht mehr höher liegen als die von Benzin-Bikes – vor allem, wenn man bedenkt, dass deren Abgasreinigung und Geräuschdämpfung immer aufwändiger wird. Uns hat die Tour mit der Zero jedenfalls viel Spaß gemacht. Doch könnte sie heute schon die Buell aus der Garage (in der keine Steckdose liegt) verdrängen? Nein.

(ID:46861493)

Über den Autor

 Jan Rosenow

Jan Rosenow

Ressortleiter Service & Technik, Vogel Communications Group